Weser-Kurier, 9.11.2008
„Das rote Tuch der Freiheit stieg auf“
Von Martin Wein
November 1918: Rote Flaggen in Wilhelmshaven, die Matrosen
meutern – Revolution! Richard Stumpf, Matrose auf der „S. M.
S. Helgoland“, schreibt Tagebuch. Kommentierte Auszüge
aus seinem exemplarischen Bericht lassen die Dramatik jener
Tage fast mit Händen greifbar werden - vom Ersten Weltkrieg,
der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", bis zum Beginn
einer neuen Zeit.
Zwei Stunden schon dauerte der Aufmarsch und noch immer kamen neue Bataillone Marineblauer und feldgrauer aus dem Stadtinneren. Der Oberheizer Kuhnt stellte sich unter brausendem Jubel als der erste Präsident der ,Republik' Oldenburg vor. (…) Unter donnerndem Hurra fiel die riesige Kriegsflagge vom
Maste der Kaserne, und das rote Tuch der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stieg auf“, schrieb der Matrose Richard Stumpf am 10. November 1918 in Wilhelmshaven in sein Tagebuch. Ausgerechnet dort, wo die Flotte, Prestigeobjekt Kaiser Wilhlems II., ihren Heimathafen hatte, in Kiel und Wilhelmshaven, war das Reich in den Tagen zuvor an seinen eigenen Widersprüchen auseinander gebrochen. Dabei hatte der Aufbau eben dieser Flotte als Symbol nationalstaatlicher Einigung wesentlich das Entstehen und die politischen
Debatten im ersten deutschen Nationalstaat von 1871 geprägt.
Richard Stumpf wurde zufällig Beobachter der Ereignisse. Aus Nürnberg in Franken war der Katholik, gelernte Zinngießer, deutsche Patriot und Kaiserfreund wohl 1912 als Freiwilliger nach Wilhelmshaven gekommen. Er jubelte über die Kriegserklärung. Er litt unter Nahrungsmangel. Er wurde von Vorgesetzten gepiesackt und
hielt trotzdem zu seinem Herrscher. Und er schrieb alles auf, naiv und penibel zugleich, und gibt damit Einblick in das, was ihn bewegte. Durch puren Zufall blieb sein Tagebuch erhalten. 1926 diente es als Zeugnis im Untersuchungsausschuss des Reichstages, wurde in dessen Veröffentlichungen überliefert.
1. August 1914: „Keiner glaubt mehr, dass es zum Kriege kommt“, schreibt Richard Stumpf ernüchtert wie viele seiner kriegslüsternen Kameraden. Sie fühlen sich überlegen. Sie wollen den Kampf. Doch Stumpf täuscht sich. Sein Schiff, die „Helgoland“, nimmt im Lauf des Tages Munition auf. Alles Überflüssige fliegt von Bord. Um 17.30 Uhr verliest der Navigationsoffizier eine Depesche: „Auf Befehl seiner Majestät wird Deutschland heute Nacht seine Armee und Flotte in den Kriegszustand versetzen.“ Das Bord-Orchester spielt die „Wacht am Rhein“. Krieg, zunächst nur mit Russland!
Stumpf und seine Kameraden sind enttäuscht: Frankreich und Russland scheinen ihnen keine ebenbürtigen Gegner. Sie wollen es Großbritannien zeigen, dem Staat mit der größten Flotte der Welt; dem Staat, den
Deutschland mit seiner Rüstung schon immer hatte überflügeln wollen: „Gegen England, das falsche, gemeine ist unsere Flotte gebaut!“ Stumpf schreibt sich in Rage gegen England: „Glauben sie wirklich, mit ihren Söldnern (…) ein Deutschland besiegen zu können, das einig hinter seinem Kaiser steht?“ Noch hat Stumpf den Krieg nicht erlebt.
Die Euphorie der ersten Kriegstage weicht schnell. Erste Verluste gibt es noch im August. Im Januar 1915 versenken britische Schiffe den großen Kreuzer „Blücher“ und beschädigen die „Seydlitz“ schwer. „Heute an Kaisers Geburtstag sind die Opfer beerdigt worden, im ganzen 165 (?)Mann“, schreibt Richard Stumpf am 27. Januar 1915. „Es sind nur wenige Särge nötig gewesen, um die Überreste dieser Unglücklichen aufzunehmen.“ Eine Granate ist durch einen Windschacht gefallen und hat die Munition in den Türmen der „Seydlitz“ in Brand gesetzt: „Alles, was darin lebte und stand, verbrannte in einer Minute.“ Der ergreifendste
Anblick bot sich in der Geschosskammer, wo ein paar Leute das Luk zu öffnen versuchten. „Bei der Berührung zerfielen sie zu Asche.“
In Wilhelmshaven ist man empört ob der Untätigkeit, mit der die Flottenführung reagiert. Kleine Jungen singen auf der Straße: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein. Die Flotte schläft im Hafen ein.“ Erst am 31. Mai 1916 treffen die deutsche Hochseeflotte und die englische „Grand Fleet“ im Skagerrak aufeinander: Bei der einzigen großen Seeschlacht des Ersten Weltkrieges sind die Deutschen taktisch überlegen. Englands Vorherrschaft auf See indes brechen sie nicht. Die Zeitungen schreiben von Sieg, doch von Euphorie ist wenig zu spüren:
„Am Sonntagnachmittag war die Beerdigung der toten Kameraden. (…) Tausende von schwarz gekleideten Menschen waren aus allen Gegenden Deutschlands gekommen, um dem Sohn oder Bruder die letzte
Ehre zu erweisen. (…) Es waren hunderte von einzelnen Särgen, die im Massengrab Aufnahme fanden.“
Auch schlechte Versorgung mindert die Moral. Stumpf notiert im September 1916: „Der Erste Offizier hat gestern seiner Entrüstung Ausdruck gegeben, dass verschiedene ,Kerls’ zwei Brotportionen auf einmal gegessen haben. Der Proviantmeister hat beinahe geweint, weil er Speck als Zulage ausgeben musste.“ Den
Entbehrungen der Mannschaften steht robuster Standesdünkel der Offiziere gegenüber: Stumpf staunt über den neuen Vorgesetzten: „Von ihm kann man gelegentlich Kraftausdrücke hören, auf die ein Vollmatrose
stolz sein kann: ,Nach dem Kriege schicke ich die ganze Besatzung zum Hagenbeck in den Affenkäfig.'“ Wie
viele Kameraden ist Stumpf den überkommenen Drill leid: „Lieber dem Engländer Sklave als wie dem Deutschen Soldat“, schreibt er im Juni 1917. Deputierte der Mannschaften sollen jetzt die Verpflegungslage
prüfen und so für Ruhe sorgen. Damit will das Reichsmarineamt Dampf aus dem Kessel lassen. Tatsächlich
werden die Kommissionen zur Keimzelle der Revolution. Stumpf sieht es mit Wohlwollen: „Die neu ins Leben gerufene Menageprüfungskommission entwickelt eine höchst erfolgreiche energische Tätigkeit. Bis jetzt hat sie herausgebracht, dass wir bisher um ca. ein Drittel des (…) Proviants betrogen worden sind“, notiert er Anfang Juli.
Als rund 350 Matrosen und Heizer des Linienschiffs „Prinzregent Luitpold“ um Max Reichpietsch und Albin Köbis statt eines ausgefallenen Kinoabends im August spontan in ein Ausflugslokal ziehen und aus Sicht
der Flottenleitung damit den Aufstand proben, ist die Gegenreaktion harsch. Am 25. August werden Reichpietsch und Köbis zum Tode verurteilt. Selbst ein internes Gutachten des Reichsmarineamtes hält den Vorwurf des „Aufstandes“ für kaum konstruierbar. Dennoch: Am 5. September 1917 werden beide als warnendes Exempel erschossen. 3. bis 5. Oktober 1918: Auch Richard Stumpfs Loyalität zu Kaiser und Vaterland ist gebrochen, denn der Krieg ist verloren: „Es ist ein bitteres Gefühl lesen zu müssen: Deutschland batumFrieden. Trotz der unerhört langen (…) war es (…) noch Gemeingut aller, dass nicht wir, sondern die Feinde es sein müssten, welche eines Tages um Frieden bäten. Nicht nur unser Selbstbewusstsein,
sondern auch das Vertrauen auf eine gerechte Sache hat einen erheblichen Knacks bekommen.“
Den von den Alliierten geforderten Zeitenwechsel mag Stumpf noch nicht akzeptieren: „Fügen wir uns dem Wunsche der kaltherzigen Plutokraten jenseits des Kanals und des Ozeans, jagen wir unseren Kaiser
zum Teufel, dann schäme ich mich für alleZeiten, jemals ein Deutscher gewesen zu sein.“ Bald indes wird klar: Das bisherige System wird kaum überleben.
12. bis 24. Oktober: „Es dürfte mit der stolzen Gottesgnadenüberzeugung der Hohenzollern kaum
vereinbar sein, sich von seinen Untertanen ein Recht nach dem anderen aus der Hand nehmen zu lassen. (…) Den Generalstab unter die Kontrolle des Reichstags stellen? Und gar den Fahneneid auf die Verfassung
schwören! Fast undenkbar! Was bliebe da übrig?“ Die Stimmung in Wilhelmshaven ist Ende Oktober zum Zerreißen gespannt. Da plant die Flottenleitung heimlich ein letztes Gefecht. Heldenhaft soll die Flotte untergehen. Jetzt halten die Mannschaften nicht länger still: „Am Sonntag, 26.10. sollte die ,Straßburg’
in See gehen. Ein Teil der Heizer verließ das Schiff, begab sich an Land, und der Rest löschte die Feuer, versuchte sogar durch Öffnen der Flutventile das Schiff zu versenken. (…) Etwa 100 Mann des ,von der
Tann’ trieben sich um diese Zeit noch in der Stadt herum, auch vom ,Seydlitz’ und ,Derfflinger’ fehlten Leute.“ Dichter Nebel verzögert das Auslaufen überdies. Stumpf, der einfache Matrose, spürt zwei Herzen in seiner
Brust. „Traurig, tieftraurig, dass es soweit kommen konnte. Eine gewisse Schadenfreude kann ich jedoch beim besten Willen nicht unterdrücken. (…) Die jahrelang als Hunde erniedrigten Heizer und Matrosen
wissen endlich, dass ohne sie nichts, rein nichts geschehen kann.“ 6. November: „Revolution. Nun ist sie da!
Heute Morgen vernahm ich das erste Rauschen ihrer Flügel. Sie kam blitzschnell, fast unerwartet (…) und hielt uns alle in ihren Fängen“, staunt Richard Stumpf. „Nochmitten im Erleben habe ich es noch nicht erfasst,
wie schnell diesen Morgen die Parole durchs Schiff lief: Auf zur Demonstration an Land. (…) Jetzt gehen wir auf die Straße und suchen unser Recht.“ Kaum einer von der Stammbesatzung bleibt zurück, berichtet
der brave Matrose. „Von allen Seiten strömten nun Menschen zu und im Verlaufe von Minuten wogte eine gewaltige Menge von Soldaten auf dem Exerzierplatz.“ Auf dem Weg wartet eine etwa 40 Mann starke Patrouille, geführt von einem Offizier. Doch sie schießt nicht, sie läuft über. „Es gewährte einen fast komischen Anblick als sich der Leutnant plötzlich allein sah.“ Der Zug rollt weiter, Gefangene werden befreit, das Geschehen nimmt seinen Lauf: „Schnell war eine Rednertribüne improvisiert, und nach und nach hatten etwa 20 Mann das Bedürfnis zu reden. Wer von der Gedankenlosigkeit der Massen Studien machen wollte, hatte hier die schönste Gelegenheit.“ Ein rotes Betttuch wird an einer langen Stange als Fahne voraus getragen. Die Bevölkerung aber bleibt distanziert, aus gutem Grund: „Auffällig war, wie wenig reudenkundgebungenaus den Fenstern heraus erfolgten. (…) Die Ansässigen wissen eben recht gut, dass mit dem Niedergang der Flotte es auch mit dem Emporblühen der Stadt vorbei ist. Wilhelmshaven
wird nur als höchst unbedeutende Mittelstadt weiter existieren.“
8. November 1918: „Eben mit dem Niederschreiben meiner Eindrücke (…) beschäftigt, störte mich ein furchtbarer Lärm aus dem Nachdenken. Irgendeiner steckte den Kopf zur Tür herein und brüllte: Alles Gewehre und Munition empfangen. (…) Wozu denn Gewehre? Verrat, keuchte er zornschäumend, in Rüstringen schießen die Königstreuen auf uns. Ein anderer schrie: Das zehnte Armeekorps marschiert gegen uns! Wir schießen sie alle tot, die Hunde, das wäre doch gelacht! Fürchterliches Durcheinander
(…). Schon kommen die ersten mit Gewehr und Bajonett herauf. Jetzt fließt Blut, sagte ich mir (…). Von allen Seiten rannten Bewaffnete durchs Tor, selbst einzelne Weiber schleppten Patronenkisten. Furchtbarer Wahn! (…) Nach fast fünf Jahren mörderischen Kampfes richten wir noch die Gewehre auf unsere eigenen Volksgenossen.“ Aber das Wunder geschieht. Ebenso planmäßig und zielbewusst wie die Gerüchte verbreitet wurden, sorgt der „Soldatenrat“ für Beruhigung. Automobile und Radfahrer verbreiteten überall die Kunde:
„Blinder Alarm“. „Zwei Tage bin ich nun älter, und während dieser Zeit hat sich in meinem Inneren eine Wandlung vollzogen, die ich für unmöglich gehalten hätte: vom Monarchisten zum überzeugten Republikaner – nein mein Herz – ich kenne dich nicht mehr“, vermerkt Richard Stumpf am 10. November 1918. Dieser
Tag wird als Wendepunkt des Krieges in die Geschichte eingehen, ahnt er. Kaiser Wilhelm II. hat tags zuvor abgedankt. Philipp Scheidemann hat in Berlin die Republik ausgerufen. Eine neue Ära beginnt – in Wilhelmshaven mit einer Großkundgebung. Stumpf schaut zu, vom Dach eines Gartenhauses: „Zum ersten Male wurde es mir etwas feierlich zumute. (…) Die Massensuggestion, gegen die ich immer ankämpfte,
nahm mich nun doch gefangen.“ Die Schmach von Versailles wird die neue Republik in den nächsten Monaten hart treffen. Das Ende der stolzen Kriegsflotte kommt binnen Tagen: Auf Order der Admiräle
sollen die Schiffe vor den Orkney-Inseln versenkt werden. Traurig steht Richard Stumpf beim Auslaufen in Wilhelmshaven am Kai. Sein letzter Eintrag vom 18. November: „Eben liegt „Friedrich d. Große“ und „K. Albert“
in der Schleuse. Die anderen Schiffe folgen nach. Sie sammeln sich zur letzten schweren Fahrt auf Schillig Reede. (…) Ab und zu trägt mir ein Windstoß ein paar Töne von „Muss i denn“ (…) herüber. (…) Die zurückgebliebenen Mannschaften stehen an der Pier vor ihren Kleidersäcken und gucken teilnahmslos drein. Jetzt ekelt es mich auch an, noch länger in solcher Umgebung zu sein.“ Tage später reist Richard Stumpf
in eine ungewisse Zukunft.
DIE ZEIT, 18.09.2008
Und ewig lockt der Schlick
Wo Zugvögel rasten und Robben gebären: Das Wattenmeer ist bei der Tierwelt beliebt. Nun prüft ein kubanischer Geologe, ob das Gebiet Weltnaturerbe werden soll.
Von Martin Wein
Pedro Manuel Rosabal lernt derzeit viele seltsame Ortsnamen kennen: Tettens und Stumpens oder die Kaperei. Gerade ist er in Elisabethgroden und posiert mit einer schwarzbunten Kuh für die Kameras der Lokalpresse. Der Geologieprofessor aus Havanna ist Spezialist für Nationalparks. 1986 stellte er einen wilden Küstenstreifen im Südosten Kubas unter Schutz. An jener Stelle war 30 Jahre zuvor Fidel Castro mit seinen Getreuen von der Jacht Granma an Land gegangen. 1999 erklärte die Unesco den Desembarco-del-Granma-Nationalpark zum Weltnaturerbe. Jetzt ist Rosabal unterwegs, um einer ganz anderen Gegend zum gleichen Ehrentitel zu verhelfen: dem Wattenmeer der Nordsee.
Das Weltnaturerbe ist, ähnlich wie das bekanntere Weltkulturerbe, eine Art Gütesiegel, das die Unesco vergibt. Den Ehrentitel erhalten einzigartige, besonders erhaltenswerte Landschaften. Deutschland und die Niederlande, zwei der drei Wattenmeeranrainerstaaten, haben im Januar den Aufnahmeantrag gestellt. Dänemark hat sich nicht an dem Antrag beteiligt, kann dem Naturerbe-Projekt aber später noch beitreten. Im Sommer 2009 will das Unesco-Komitee in Sevilla entscheiden, ob es den Titel verleiht. Dabei richtet es sich vor allem nach dem Votum der Internationalen Naturschutzunion (IUCN); in ihrem Auftrag ist Rosabal unterwegs. Elf Tage lang macht er sich ein Bild von dem Sand- und Schlickstreifen zwischen Sylt und der niederländischen Insel Texel, der nur bei Ebbe begehbar ist.
Vor allem aber spricht er mit Menschen: mit Biologen, Wattführern, Krabbenfischern. So will er herausfinden, ob die Bevölkerung hinter dem Projekt steht. Denn ein Welterbetitel verträgt sich nicht mit jeder Art von Landschaftsnutzung. Beim Ortstermin im ostfriesischen Elisabethgroden verkündet Rosabal einen Zwischenstand: Bislang sehe es für ihn so aus, als verdiene das Wattenmeer die Auszeichnung. Falls sein Bericht positiv ausfällt, ist die entscheidende Hürde genommen.
Für Deutschland wäre dieser Titel eine kleine Sensation. Zwar hat es einige Dutzend Stätten, die als Weltkulturerbe eingetragen sind (zuletzt die Wohnsiedlungen der Berliner Moderne), aber nur ein einziges Weltnaturerbe: die Grube Messel in Südhessen mit ihren Fossilien. Weltweit umfasst die Unesco-Liste 174 Naturdenkmäler. Läuft alles nach Plan, steht das Wattenmeer bald in einer Reihe mit dem Grand Canyon, dem Yellowstone-Nationalpark und Ayers Rock.
An der Nordsee sind die Befürworter sich ihrer Sache schon recht sicher. »Das Wattenmeer ist einmalig«, sagt Jens Enemark, der Rosabal auf seiner Inspektion begleitet. »Es ist das größte zusammenhängende Küstenwatt auf der ganzen Welt.« Enemark leitet das Wattenmeersekretariat in Wilhelmshaven, das die deutschen, niederländischen und dänischen Schutzmaßnahmen koordiniert. Er bezeichnet das Watt als einen Glücksfall für die Tierwelt. Im warmen Flachwasser ziehen Robben ihre Jungen groß. Zwölf Millionen Zugvögel rasten hier auf dem Weg zwischen Sommer- und Winterquartier. Allein auf den Ostfriesischen Inseln, so eine Studie der Uni Oldenburg, lebt jede fünfte heimische Tierart von der Kegelrobbe bis zur Graszirpe. Auch auf den Wattflächen selbst, in den Dünen und Prielen wimmelt es von Leben.
Geld von der Unesco gibt es für die Welterbestätten nicht. Trotzdem ist die Vorfreude groß. »Den Welterbestatus empfänden wir als Ritterschlag und Belohnung für unsere Schutzbemühungen«, sagt Sven Ambrosy, der Chef des Tourismusverbands Nordsee. In Erwartung der Auszeichnung haben sich die Fremdenverkehrsleute von Leer bis Cuxhaven ehrgeizige Ziele gesetzt. Bis 2015 soll die Zahl der Übernachtungen in der Region von 22,5 Millionen im Jahr auf 23,5 Millionen steigen. Ein neues Resort, zwei Fünfsternehotels und zehn Viersternehotels sind geplant. Gerade bei Süddeutschen, Österreichern oder Schweizern, die eher ans Mittelmeer reisen, soll das Prädikat die Neugier auf einen Nordseeurlaub wecken. Könnte der Rang als Weltnaturerbe auch Nachteile bringen, etwa für Industrie und Schifffahrt? Das glaube er nicht, sagt Ambrosy. Schließlich solle der Unesco-Schutz nur solche Gebiete umfassen, die schon als Nationalparks ausgewiesen sind und ohnehin strengen Auflagen unterliegen. In Hamburg indes, das über magere 1,4 Prozent der Wattfläche verfügt, sieht man das anders. Dort lehnen die verantwortlichen Politiker das Naturerbe-Projekt bislang ab. Sie fürchten, dass die Unesco-Auflagen den Ausbau des Hafens erschweren könnten.
Frankfurter Rundschau, 7. August 2008
Auf Sand gebaut
Wie ein Springbrunnen ergießt sich Sand für den Hafengroden in die Jade
Von Martin Wein
Bald ist hier kein Meer mehr. Wo sich die graue Flut der Jade zwischen die Pfeiler der Niedersachsenbrücke
in Wilhelmshaven zwängt, wird in 20 Monaten festes Land sein. Günter Gronewold von der Jade-WeserPort-Realisierungsgesellschaft steht auf dem Deich und deutet zum Horizont. „Dort draußen die vier Pfähle, die
markieren die Kaikante“, sagt der Ingenieur,der das Projekt seit Jahren begleitet. Mit bloßem Auge sind die vier Pfähle draußen im Fahrwasser der Jade kaum zu erkennen. Gronewold reicht einen Feldstecher. 7,5 Meter – so hoch wie der heutige Deich – wird dort die Kaikante aus den Fluten ragen, wenn Deutschlands Superhafen am Fahrwasser des Jadebusens im Herbst 2011 die ersten Containerschiffe der neuesten Generation abfertigen wird. 2016 soll das gesamte Projekt abgeschlossen sein. Schuften im Sumpf Ausgerechnet hier am vergessenen Nordwestrand der Republik wird die Globalisierung ein Gesicht bekommen,wenn 430Meter lange Riesenpötte mit 16,5 Metern Tiefgang und 12000 Standardcontainern an Bord zum Entladen vor Anker gehen werden. Ein Jahrzehnt lang haben Niedersachsen und die Stadtstaaten Bremen und Hamburg gestritten, ob man den neuen Hafen überhaupt brauche. Kann Wilhelmshaven wirklich dem riesigen Europort in Rotterdam Konkurrenz machen? Doch Rotterdam platzt schon jetzt aus allen Nähten. Auch Bremerhaven und Hamburg stoßen an Kapazitätsgrenzen, sollte sich der Frachtverkehr wie erwartet entwickeln. Die Logistik-Branchedrängte aufdenAusweich-Hafen. Auf Schiene oder Autobahn sollen die Container das Rhein-Ruhr-Gebiet von der Jademündung sogar schneller erreichen als vom Rhein-Maas-Delta, wenn denn die streckenweise einspurige Bahntrasse bis Oldenburg rechtzeitig ausgebaut und elektrifiziert wird.
Günter Gronewold steht vor Deutschlands größter Hafenbaustelle und erinnert sich: Vor rund 150 Jahren, in den 1860ern, war Wilhelmshaven, damals kaum mehr als ein Barackenlager namens „Strohhausen“ – schon einmal Schauplatz für ein gewaltiges Hafenprojekt. Manche nannten es die größte Baustelle Europas im 19. Jahrhundert. Bis zu 2000 Männer gruben sich, in Mückenschwärme gehüllt und vom Sumpffieber geschwächt, in den Schlick. In endlosen Kolonnen schafftensiemit Schubkarrenden Aushub fort, um für den Preußenkönig Wilhelm I., den späteren deutschen Kaiser, einen Marinehafen zu bauen. Arbeiter sind jetzt auf der Baustelle keine zu sehen. „Vielleicht ist Frühstückszeit“, überlegt Gronewold und schaut auf die Uhr, „oder schon Mittagessen?“Scheinbar verlassen liegt das Gelände da. Vögel zwitschern im nahen Wäldchen, ein Labrador schnüffelt am Zaun, bis sein Besitzer ihn weiterzieht.
Doch das Bild trügt. Ein Anruf bei Projektleiter Hauke Krebs im Baubüro ergibt: Schon heute arbeiten
220 Menschen im Schichtbetrieb auf der Baustelle, dazu noch 70 Ingenieure undTechniker im blauen Containergebäude hinter demDeich.Wenn Ende August der Ingenieurbau beginnt, „werden
hier locker 350 Personen arbeiten“, sagt Krebs, der zuletzt ein Gütertransportzentrum mit Wasseranschluss
im pakistanischen Karatschi realisierte. „Spülfeld – Vorsicht Lebensgefahr“ steht am Zaun, der seit gut
zwei Monaten den alten Badestrand abriegelt. Noch im vergangenen Jahr bräunten sich dieWilhelmshavener dort zwischen Umschlagbrücken für Öl und Kohle. Heute gibt es erstHelm und neongelbeJacke,
bevordasTor zurBaustelle sich öffnet. Auf der bereits aufgeschütteten Baustraße geht es ansWasser.
Klagen von Umweltschützern „Jetzt kriegen wir endlich einen richtigenHafen“, sagtGronewold. Nur der Ölumschlag machte Wilhelmshaven beim gelöschten Warenvolumen bislang zum zweitgrößtenHafenderRepublik.
Doch richtiges Hafenleben suchte man vergebens. Damit sich das ändert, fräsen sich gleich drei große Schneidkopfsaugbagger vor der Küste bis zu 35Meter tief ins Sediment, das die Jade Jahr für Jahr in
Millionen Tonnen hier ablagert. 10000 bis 12000 Kubikmeter Sand saugt allein der ultramoderne Pirat X in einer Stunde aus dem Boden. Damit könnte man allen 12 000 Kindern Wilhelmshavens einen Sandkasten füllen. Für alle
Kinder Deutschlands gäbe es gleich drei davon, wollte man das nötige Sediment für die 290 Hektar große Hafenbasis auf Spielplätzen lagern: 43 Millionen Kubikmeter. In schwimmenden gelben Rohren und durch einen zwei Kilometer langen Düker an Land gelangt der Sand vom Pirat X an die Ablagestelle im späteren Hafen. Wie ein großer Springbrunnen schäumt das Sediment im Verhältnis 6:1 in Wasser gelöst aus dem Ende des Rohres. Auch möglichst große Klappen haben auf der Jade derzeit Hochkonjunktur: Gleich neben dem Spülrohr öffnet eine Schute ihren Laderaum. Sie bringt Sand von einem Baggerschiff, das nicht per Leitung erreicht wird. Unter Wasser öffnet sich der gesamte Rumpf des Schiffes und entlässt bei langsamer Fahrt binnen zweiMinuten seine Fracht. Erst legt sich die Schute bedenklich auf die Seite, dann steigt sie wie ein Korken befreit vonihrer Last ausdenWellen. Nur anhalten darf sie nicht. Sonst setzt sie sichwomöglich selbst auf Grund. Umstritten war das Verfahren nicht. Umweltschützer klagten vergeblich gegendie Sandentnahme. Gefährdete Fischarten wie das Neunauge und Kleinlebewesen, so genanntesMakro-Benthos, würden geschädigt, glauben sie. Vor allem sehen sie die Sicherheit der Deiche in Gefahr. Bei einer schweren Sturmflut könne das ganze Sediment ins Rutschen kommen und den Deich mit in die Tiefe reißen. Ein ausgeklügeltes onitoringdurchdieAufsichtsbehörden soll das verhindern. So einfach hinkippen könne man den Sand ohnehin nicht, erklärt Gronewold. Weil der Untergrund teils aus weichem Schlick besteht, wird an vielen Stellen Sand nur in dünnen Schichten regelrecht versprüht, höchstens 20 Zentimeter auf einmal. „Sonst gäbe es einen großen Blubb und der Sand rutschte unter die weiche Schlickschicht. “Ein Vermessungsschiff ist ständig unterwegs, um den Fortgang der Arbeiten zu überwachen, auch, weil die Baufirmen nach tatsächlich aufgespültem Sediment bezahlt werden.
An der Niedersachsenbrücke, die den südlichen Abschluss des Hafengeländes bilden wird, hat ein Schüttgutfrachter mit Kies aus Norwegen festgemacht. Sein gewaltiges Förderband schleudert das Gestein in eine Klappschute, die damit den künftigen Norddamm anfährt. Mehrere hundert Meter ragt er schon hinaus ins Meer. Doch erst,wenn ein schweres, mit Fließbeton verklammertes Deckwerk Nord- und Süddamm schützt und die rund 700 jeweils 48 Meter langen Trag- und Füllbohlen der Spundwand dazwischen in den Jadegrund getrieben sein werden, soll das Bauwerk auch Sturmfluten trotzen. Allein eine Tragbohle soll dann eine Belastung von 900 Tonnen tragen. Die imensionen haben jedes menschliche Maß längst überschritten. So sind es denn im Wesentlichen Maschinen, die die Erdarbeiten erledigen. Da erscheines fast wie ein Wunder, als um 12 Uhr aus dem Bauch des Kiesfrachters sechs ölverschmierte Männer in gelben Overalls auftauchen. Gronewold schmunzelt: „Die gehen jetzt wirklich zum Mittagessen.“
Wilhelmshavener Zeitung, 30. Januar 2008
Hitlers Bild von sich selbst
ist so nah an der Parodie
Wie konnte es dazu kommen –
Versuch eines klärenden Gesprächs
Von Martin Wein
Wilhelmshaven – Die Sternsinger haben ihre Segenswünsche hinterlassen am Klinkerhaus hinter dem Brommygrün, in dem Johannes Simons mit Ehefrau Annette und den Zwillingen lebt. Die Kinder sind Tags zuvor elf geworden. Deshalb gibt es in der offenen Wohnküche heute Käsekuchen und Tee. Während die Dunkelheit früh auf Wilhelmshaven herab fällt, stellt sich die Frage nach der Person Adolf Hitler, die Simons, jetzt übrigens 20 Jahre Ensemble-Mitglied der Landesbühne, gerade in Brechts „Aufhaltsamem Aufstieg des Arturo Ui“ spielt. Wie geht man mit diesem Typen um, der vor 75 Jahren Deutschland ins Verderben führte? Als dritter im Bunde diskutiert Dramaturg Michael A. Bernard.
Wein: Herr Simons, Adolf Hitler – eine Rolle wie jede andere?
Simons (zögerlich): Man spielt im Laufe der Jahre bisweilen schon sehr seltsame Vögel.
Bernard: Im Vorfeld hat uns die Darstellungsgeschichte viel beschäftigt, die man ja quasi mitspielt – von Charlie Caplin über Bruno Ganz…
Wein: …bis Helge Schneider.
Simons: Ja sogar bis hin zum Comic von Walter Moers. Dieser „Bonker“-Song von ihm hat mir richtig einen Kick gegeben. Da habe ich gedacht: Jetzt verstehe ich, in welche Richtung solch eine Parodie gehen kann.
Wein: Die Nazi-Größen können ja immer noch provozieren. Dieter Hildebrandt sagte dem „Spiegel“ kürzlich auf die Frage, ob man Hitler parodieren dürfe: „Wir haben Hitler schon in der Hitlerjugend parodiert. Doch als Hitler war ich nicht so überzeugend. Ich war eher ein guter Goebbels. Es ist alles eine Frage der Qualität.“ Eigentlich erstaunlich, dass man sich mit diesen Personen immer noch so schwer tut.
Simons: Das hat immer noch mit Kollektivschuld zu tun. Man ist nicht ganz frei bei dem Thema. Was bei der Figur zusätzlich so speziell ist, ist, dass sie tatsächlich so überlagert ist von anderen Vorbildern, dass Hitler ja selbst ein Bild von sich aufgebaut hat. Und dieses Bild ist so nah an der Parodie dran. Aus der Betrachtung von heute überlagern sich Original und Karikatur bis zur Unkenntlichkeit. Wenn ich mir in der Vorbereitung so Sachen angeschaut habe…
Wein: … zum Beispiel die Fotoserie, wo er vor dem Spiegel übt…
Simons: ...genau oder auch seine Reden! Es gab damals natürlich eine andere Ästhetik. Wenn man sich vorstellt, heute würde jemand so reden, dann wäre das an sich eine Karikatur.
Wein: Wenn man sich dann noch vorstellt, dass Hitler selbst sich den Chaplin-Film angesehen hat…
Simons: Hat er? Das wusste ich nicht (lacht).
Wein: Das wirft ein seltsames Bild auf diese Person. Das ist wahrscheinlich auch eine der Schwierigkeiten: Wie viel von dem Privatmann, dem Kranken, dem Wehleidigen, dem Verrückten vielleicht, zeigt man? Etwa wie im „Untergang“.
Simons: Ich habe den Film nie gesehen. Seltsamerweise hat er mich nie interessiert. Ich mag Bruno Ganz sehr gern. Aber ich mochte diesen Film nicht anschauen.
Wein: Aber man sucht sich doch Orientierung oder?
Simons: Ja, ich habe mir viele Originalfilme angeschaut und daraus etwas übernommen.
Wein: Zum Beispiel?
Simons: Ja dieses komische Agieren mit den Händen; - dieses quasi Blitze in den Boden schicken (lacht). Auch dass er meistens seine Reden aus einer Null-Situation heraus begonnen hat. Ganz still – und auf einmal hat er dann losgelegt. Er hatte schon eine unglaubliche Kraft. Anschließend war er ganz geschafft und wurde von seinem Adjutanten abgeschirmt. „Sehen Sie nicht, der Mann ist fertig“.
Wein: Sie spielen ihn nicht wirklich als Parodie. Es wird zwar klar, dass man ihn nicht ernst nehmen kann, aber er ist keine Witzfigur.
Simons: Ich hatte mit dem Uli Hüni (Regisseur, Red.) lange Zeit darüber gehadert. Er wollte immer diesen komischen Hitler-Ton drin haben. Der liegt mir nicht so. Das hat schnell etwas Karikierendes wie bei Helge Schneider. Ich selbst habe das Stück eher als Gangster-Geschichte gesehen, wie es auch bei der Aufführung vor 19 Jahren gespielt wurde. Hüni hat eher einen jugendlichen Ansatz da rein gebracht. Ich musste mich von dem Alten lösen. Da war Walter Moers ein Anstoß für mich.
Bernard (deklamiert):“Ich kapituliere niemals!“
Simons: So respektlos kann man im Grunde damit umgehen.
Wein: Und sollte man auch oder?
Simons: Ja, vielleicht; - ja, aber eben damit tun wir uns so schwer.
Wein: Das war doch schon Brechts Intention. Schon 1934 hat er gedichtet: „Adolf Hitler, dem sein Bart, ist von ganz besondrer Art, Kinder, da ist etwas faul, so ein kleiner Bart, und so ein großes Maul.“
Simons: Ich habe von einem Gespräch zwischen Feuchtwanger und Brecht gelesen. Thema war: Hitler ein Hampelmann. Da dachte ich auch, so haben die schon zu Lebzeiten über ihn geredet. Die Karikatur in der Stimme hat es mir m Gegenzug leichter gemacht, ein wenig in die Abgründe hinab zu steigen. Wenn er durchhängt. Heiner Müller sagt: Die NS-Ideologie ist eine Weltanschauung, die solange unbesiegbar blieb, wie sie im Angriff war. Als die Nazis an der Macht sind, beginnt er wieder durchzuhängen. Dann fangen die an, sich selbst zu bekämpfen. In solche Momente rein zu gehen, das war mir sehr wichtig neben allem Komischen.
Wein: Das zeigt ihn relativ menschlich. Früher hatte man Angst vor Verständnis oder Mitleid.
Bernard: Das Perfide an dem „Untergang“-Film finde ich zum Beispiel, dass man am Ende denken soll: Hitler ist zwar ein schlechter Mensch. Aber nicht wegen des Weltkrieges, sondern, weil er seinen Schäferhund umgebracht hat. Das ist natürlich völlig absurd.
Simons: Wenn ich jemand auf der Bühne zeige, muss ich trotzdem versuchen, ihn als Mensch zu zeigen. Wie gesagt, man spielt schon mal ganz eigenartige Vögel. Mit denen will man eigentlich nichts zu tun haben. (Gelächter) Ich meine, Hitler war auch mal ein Kind und unschuldig. Aber irgendwann ist er verrückt geworden – so scheint er mir.
Wein: Man sagt, Bösewichte seien die beliebteren Rollen. Gilt das auch für Hitler?
Simons: Ich habe mich gewundert, dass ich ihn spielen werde. Ich fand es spannend. Natürlich ist es auch eine Herausforderung jetzt in den Vorstellungen. Da kann ich nur froh sein, dass die Kollegen mich so stützen.
Wein: Können Sie sich jetzt besser erklären, wie es zu den Ereignissen von 1933 kommen konnte?
Simons: Auch ich lebe natürlich mit der „Gnade der späten Geburt“. Wenn sich im Stück die Ereignisse aufblättern, kann man immer nur mit dem Kopf schütteln, was da alles versagt hat und wer alles versagt hat. Man hat versucht, ihn zu instrumentalisieren, aber er hat sich verselbständigt. Man kann es – wenn überhaupt – aus der damaligen Zeit verstehen. Deshalb sind eher die gefragt, die das noch miterlebt haben, die wirklich aktiv dafür waren. Ich kann mich an eine Aussage meines Philosophie-Lehrers auf dem Gymnasium erinnern –ein sehr gelehrter Mann, Christ, bestimmt kein Nazi. Aber er sagte: Diese Fackelzüge und Aufmärsche, das hat ihn beeindruckt als Junge. Solche Massenbewegungen können den Verstand vernebeln, auch heute noch. Und Hitler und seine Leute haben das geschickt genutzt.
Wein: Wenn man den Riefenstahl-Film anschaut vom Reichsparteitag 1934, das ist perfekte Inszenierung.
Simons: Eben – und zu der Zeit, als das Medium Film ja noch relativ neu war.
Bernard: Hinzukommt ihr Bewusstsein, gezielt damit zu arbeiten, eben weil die Eliten Hitler lange nicht ernst nahmen. Ernst Bloch hat das sehr schön beschrieben.
Wein: Brecht hat das Stück geschrieben, um den Menschen die Augen zu öffnen. Ist der Lehrcharakter heute noch notwendig?
Simons: Die junge Generation geht da heute sehr viel freier heran, erkennen teilweise sogar wieder, dass da eigentlich nicht Hitler, sondern eine von Moers inspirierte Parodie von Hitler auf der Bühne steht. Das macht hoffentlich immun gegen Einflüsterungen.
Wein: Also ganz im Sinne von Wolfgang Neuss. Der sagt: „Wir müssen Hitler so lange wiederholen, bis er ein Hit ist … ab 5.45 Uhr wird zurückgelächelt.“
Die ZEIT 5. Juli 2007
Wohin Robben reisen
Düne, die unbewohnte Schwesterinsel von Helgoland, wird zum Urlaubsziel aufgerüstet.
Von Martin Wein
Christian Lackner hält den Schlüssel zur Zukunft in seiner Hand. Und man kann schon von weitem sehen: Die Zukunft ist mehr als rosig. Sie ist rot, gelb und quietschgrün. Der Kurdirektor von Helgoland präsentiert sein neues Feriendorf. Fünf bunte Häuser stehen auf Pfählen im Dünensand. 57 sollen es werden. Lackner öffnet die Tür zum grünen Gebäude. »Das ist eine Revolution!«, sagt er. Wir sehen ein Wohn- und ein Schlafzimmer mit hellem Holzboden, eine Küchenzeile und ein Bad mit Dusche. Was daran revolutionär ist? Der Ort.
Düne ist die kleine Schwesterinsel des selbst schon winzigen Helgoland – gerade einmal einen Kilometer lang und 850 Meter breit. Wie der Name vermuten lässt, besteht sie im wesentlichen aus Sand. Bewohner: keine. Aber Urlauber gibt es. Tagesausflügler, die in zehn Minuten mit der Fähre von Helgoland übersetzen, um sich einen der schönen Strände zu legen. Und ein paar Ruhesuchende, die es länger aushalten. Bislang in Zelten und schlichten Holzcontainern, doch das soll sich jetzt ändern.
Geht es Helgoland so gut? Nein, gerade nicht. Das Freizeitangebot ist spärlich, und zollfreier Einkauf allein lockt kaum noch Besucher an. »Wir müssen unser Image ändern«, meint Lackner: »Weg von der Fusel-Insel für Tagestouristen, hin zum behaglichen Urlaubsdomizil für ein gepflegtes langes Wochenende.« Darum leistet sich die 1200-Seelen-Gemeinde ein neues Meerwasserschwimmbad, hübscht ihr Museum auf – und erschließt Düne.
Den besten Ausblick auf das Eiland bietet Johnny Hill. Das Hügelchen sieht aus wie ein umgestülpter Pudding mit Flaggenmast obendrauf. Von oben glänzen weiße Sandstrände im Sonnenlicht. Dahinter funkelt die Nordsee türkisgrün wie nirgends sonst in der Deutschen Bucht. Zwischen den Stränden liegt die Landebahn für den Flugplatz, den sie hier Flughafen nennen. Im Norden ducken sich hinter den Dünen der Zeltplatz und einige morsche Containerhütten. Das ist das alte Feriendorf aus den 1970ern für Urlaub ohne WC und fließend Wasser. Nahe am Anleger ist bereits das Gelände für das neue Dorf planiert – weiträumige, große Bauplätze, die später mit Sandwällen und Hecken unterteilt und mit Bohlenwegen erschlossen werden sollen.
Anja Winkelmann und Eike Christian Wahrmuth sind nicht begeistert. In Regenjacken und Turnschuhen haben sich die Endzwanziger aus ihrem alten Bungalow hinüber zu den neuen Häusern gewagt, um sie zu begutachten. Vielleicht 500 Meter liegen dazwischen. »Eine andere Welt«, sagt Anja. Burgen bauen, Minigolf und Muscheln suchen waren Höhepunkte in ihrer Jugend. Mit Eltern und Oma verlebte sie viele Sommer auf Düne. Die alten Quartiere sind mit Resopalmöbeln und Kochplatte spartanisch eingerichtet. Deshalb brachten erfahrene Düne-Urlauber ihren halben Hausrat mit. »Jede Familie hatte eine große Holzkiste mit Geschirr, Besteck, Eierkocher und Toaster auf der Düne«, sagt Anja. Nach dem Urlaub wurde darin alles eingelagert bis zum nächsten Sommer. Leger ging es zu unter den Insel-Campern. Die Bungalows waren nur Regenschutz, man machte viel gemeinsam. »Vor allem die Grillabende am Ententeich einmal in der Woche waren echte Höhepunkte«, sagt Anja. Mit Christina aus Osnabrück und Vanessa »irgendwo aus dem Ruhrpott« tobte sie um den Weiher, während die Großen den günstigen Spirituosen zusprachen.
Das alles ist nun vorbei. Als das neue Dünendorf geplant wurde, mussten die Stammgäste ihre Kisten ausräumen. Viele seien damals fertig gewesen mit Düne. Auch für Anja geht eine Ära zu Ende. Mit bis zu 184 Euro für die erste Nacht ist ein Haus hier doppelt so teuer wie ein alter Bungalow. »Und ein Gemeinschaftsgefühl wird auch nicht entstehen. Man begegnet sich ja kaum«, meint Anja. Einmal hat sie noch trotzig die maßgeschneiderten Gardinen von daheim mitgebracht, bevor die alten Bungalows verschwinden werden.
Altes oder neues Dünendorf – Birgit Zießler ist das egal. Mit ihrem Mann und den zwei Kindern wohnt die Internistin aus Ansbach ohnehin im Servicegebäude. Als Inselärztin kommt sie schon seit sechs Jahren immer für zwei Wochen hierher. Im Notfall schultert sie den Erste-Hilfe-Rucksack inklusive Beatmungsgerät und radelt auf dem Dienstfahrrad zu ihren Patienten. »Unterkühlung nach dem Baden, Sonnenstich nach dem Sonnen und kleine Verletzungen fordern die meisten Einsätze«. Ansonsten sei Düne ein gesundes Fleckchen: »Viele Allergiker fliehen vor den Pollen hierher. Die Seebrise vertreibt alles.«
Der örtliche Einzelhandel erhofft sich von den Neubauten keine nennenswerte Belebung der Konjunktur. Den örtlichen Einzelhandel verkörpert Max Baide. Der 46-jährige Helgoländer kommt jeden Sommer nach Düne, wo er den Inselladen und ein Café neben dem Flugplatz betreibt. »Mit Sylt oder den Mittelmeerstränden kann die Insel doch gar nicht konkurrieren«, sagt er. Das Schöne an Düne – Natur und Stille – , vertrage sich schlecht mit dem Ehrgeiz der Kurverwaltung. »Wer einen Fernseher mit Satellitenschüssel braucht, der ist hier einfach verkehrt. Dann hört man ja das Meer gar nicht mehr.« Gut, die neuen Häuser seien bequem und geräumig. Mancher Helgoländer blicke neidisch auf die Urlaubsdomizile. »Drüben bist du froh, wenn du eine Wohnung mit 50, 60 Quadratmetern hast.« Man könne die Uhr nicht anhalten, sagt Max. Aber müsse sie auch nicht überdrehen.
Wir spazieren zum rauen Nordstrand. Dort entdecken geübte Augen viele Fossilien, gelegentlich auch Bernsteine. Nicht zu übersehen sind die Seehunde und Kegelrobben. Denen gefällt es hier. Entspannt recken sie als Dauergäste ohne Kurkarte ihre Hinterflossen in die Sonne. Hunderte Tiere erholen sich seit einigen Jahren auf Düne von den Raubzügen in der Dämmerung. An Menschen haben sie sich gewöhnt. »Wenn ihr morgens ganz früh baden geht, dann streichen die Seehunde neugierig an euch vorbei«, hat uns Max uns verraten. Ein Pfund, mit dem andere Urlaubsorte wuchern würden. Auf Düne wuchern allein die Hagebutten. Die Robben gähnen. Und trotz der bunten Häuser am Südstrand sieht es ganz danach aus, als ob sich hier selbst die Zukunft Zeit lassen wird. Der Kurdirektor Lackner übrigens wechselt dieser Tage nach Hamburg.
DIE ZEIT 25. Januar 2007
Zaun im Gespräch
Bernd Fischer, 52, vom Tourismusverband Mecklenburg- Vorpommern, findet die Absperrungen in Heiligendamm attraktiv
Letztes Jahr warb Deutschland mit dem Slogan »Die Welt zu Gast bei Freunden«. Der zwölf Kilometer lange Zaun um das Hotel Kempinski in Heiligendamm, der gerade zum Schutz der Teilnehmer des G8-Gipfels im Juni aufgestellt wird, wirkt eher wie die Vorbereitung auf einen Bürgerkrieg.
Unser Zaun wird der bekannteste der Welt sein. Weltweit kommen Zäune in Mode. Ob an der Grenze der USA zu Mexiko oder zwischen Israel und dem Westjordanland – die Weltlage ist so, dass wir nicht mehr ohne Mauern auskommen. Der Zaun ist damit ein Zeichen unserer Zeit.
Setzen Sie auf Ostalgie in Erinnerung an die Zonengrenze, oder wollen Sie diesen Zaun ernsthaft als Touristenattraktion vermarkten?
Ich sehe das so: Es wird bei den Leuten ankommen, dass es bei uns in Mecklenburg-Vorpommern die Infrastruktur für einen solchen Gipfel gibt und dass wir mit einer Veranstaltung dieser Dimension fertig werden. Danach folgen vielleicht weitere Tagungen, etwa der Japan-EU-Gipfel. Wir nutzen das G8-Treffen als Chance, um uns für Großereignisse anzubieten. Wir wollen die Mitgliederversammlung des Verbandes der Internationalen Busreiseveranstalter im Jahr 2009 hierherholen und im gleichen Jahr den German Travel Mart der Deutschen Zentrale für Tourismus. Deshalb laden wir internationale Zeitungen zu Pressereisen ein – und die schreiben jetzt endlich, dass es uns überhaupt gibt. Zum Beispiel hat die auflagenstärkste Zeitung in Japan gerade eine Viertelseite über uns gebracht.
Mit Baukosten von zwölf Millionen Euro ist der Zaun ein teures Vergnügen, das Mecklenburg-Vorpommern mit einem Nachtragshaushalt finanzieren muss.
Natürlich. Nur war Deutschland jetzt als Ausrichter einfach dran, und die Kollegen aus den anderen Bundesländern wollten nicht schon wieder zahlen. Der Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein hat ja kürzlich erst gesagt: »Dann kommt doch zu uns.« Da wurde er aber von seinen Leuten ganz schnell zurückgepfiffen. Die Staatschefs hätten sich sicher auch günstiger auf einem Flugzeugträger treffen können. Nur diese Diskussion hätte man vor drei Jahren führen müssen. Der Gipfel wird stattfinden, und wir reagieren pragmatisch darauf.
Sie erwarten also Zaun-Gäste?
Die haben wir jetzt schon. Da werden im Sommer sicher noch viel mehr kommen und vielleicht die Region für sich entdecken. Im Übrigen sind wir nicht einseitig. Gemeinsam mit den NGOs, also den nichtstaatlichen Organisationen, bringen wir eine Broschüre über die Region zwischen Wismar und Rostock heraus mit Stadtplänen, Hotelverzeichnissen, Taxi- und Notrufnummern.
Wollen Sie die auch den Demonstranten in die Hand geben?
Natürlich. Wir gehen davon aus, dass 98 Prozent der Demonstranten friedlich bleiben. Die sind selbstverständlich als Gäste gerne gesehen. Wir werden ihnen als Dienstleister alle uns mögliche Hilfestellung geben. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist 1989/90 hart erkämpft worden. Das sollte man auch so akzeptieren.
Frankfurter Rundschau, 13. Dezember 2006
Fremd wie ein Marsbewohner Die Globalisierung um 1900 förderte die Formierung Deutschlands als Nationalstaat, glaubt Sebastian Conrad Sebastian Conrad: Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich. C. H. Beck, München 2006, 442 Seiten, 39,90 Euro. Von Martin Wein „Kinder statt Inder“ – die verkürzte Schlagzeile aus dem CDU-Wahlkampf des Jürgen Rüttgers in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2000 ging als Synonym für Globalisierungsfurcht in die Alltagssprache ein. Nachdem Nordsee-Krabben heute in Marokko gepult werden, der Transrapid bislang nur in China schwebt und deutsche Spitzenforscher an US-amerikanische Hochschulen abwandern, sahen viele Konservative mit der Ausstellung von „Greencards“ an vornehmlich indische IT-Spezialisten die letzte Bastion überlegener deutscher Arbeit fallen. Die inszenierte Furcht vor einer Arbeitskonkurrenz aus dem Fernen Osten war nicht nur unbegründet, weil die Inder auf das ach so großzügige Angebot dankend verzichteten. Sie war auch nicht neu oder originell. Schon als gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem auf den Gütern Ostpreußens die Arbeitskräfte knapp wurden, erwog Danzigs Regierungspräsident von Heppe, chinesische „Kulis“ ins Land zu holen. Die Empörung war enorm: Der Chinese sei „uns fremd wie ein Marsbewohner, und . . . wenn er sich mit uns mischt, ziehen wir als Rasse den Kürzeren“, warnte damals beispielsweise der Nationalist Stefan von Kotze. Die alte Geschichte der Abschottung Die Selbstdefinition von Gesellschaften durch Abschottung ist mithin nichts Neues. Ja, die Globalisierung ist mit all ihren positiven wie negativen Anklängen ein alter Hut. „Die deutsche Geschichte vor dem Ersten Weltkrieg war immer auch Teil einer Geschichte der Globalisierung um 1900“, postuliert zumindest der Berliner Historiker Sebastian Conrad. In seinem jüngsten Buch setzt er deshalb für die Zeit von 1880 bis 1914 Globalisierung und Nationalstaatlichkeit nicht als zwei Pole eines Magneten, sondern als ineinander verschränkte und einander beeinflussende Phänomene in Beziehung. Im Konstrukt des Nationalstaats sieht Conrad eine „Meistererzählung der Modernisierung“, in weiten Teilen sogar eine Reaktion auf eine zunehmend weltweite Interaktion. Die Geschichte zeigt dabei zweierlei: Zum einen verläuft die wirtschaftliche, kulturelle und mediale Verflechtung rund um den Globus keineswegs linear und unumkehrbar. Schon um 1900 war der Transport einer Tonne Weizen von New York nach Mannheim nicht teurer als von Berlin nach Kassel. Doch von 1914 bis etwa 1950 macht Conrad eine Phase der „Deglobalisierung“ aus. Machte der deutsche Außenhandel 1914 zum Beispiel noch 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, so verlief die Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten rückläufig. Erst 1960 wurde der Vorkriegsstand wieder erreicht. Zum anderen führt die kapitalistische Durchdringung der Welt keineswegs zwangsweise zu einer Auflösung nationalstaatlicher Gebilde. Das belegen aktuell etwa verschärfte Grenzkontrollen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 oder die zollrechtliche Abschottung der Europäischen Union. Der Umgang mit dem Anderen bestimmt auch das Bild von sich selbst. Das war schon im Kaiserreich so: „Die Hoffnungen und Befürchtungen, die mit der Mobilität, dem Verkehr oder aber den einfallenden ‚Bevölkerungsmassen‘ verbunden waren, gehörten zu den Ingredienzien nationaler Vergewisserung.“ Diese These belegt Conrad, indem er verschiedene Aspekte deutscher Beziehungen in die übrige Welt analysiert. Am augenfälligsten sind natürlich die Kolonien, Deutschlands Platz an der Sonne. Die Einflüsse von Kolonie und Metropole wirkten viel intensiver in beide Richtungen als bislang gedacht. Beispielhaft zeigt Conrad dies anhand der „Erziehung zur Arbeit“. Diese wurde in Ostafrika nach denselben Methoden praktiziert wie in der Bielefelder Arbeiterkolonie Bethel des Friedrich von Bodelschwingh. Ob in Ostwestfalen oder am Kilimandscharo – die „Verinnerlichung des europäischen Zivilisationsmodells“ wurde zur obersten Prämisse. Eine Deportation arbeitsscheuer Subjekte nach Südwest-Afrika unterblieb letztlich aus Furcht, diese könnten das Bild vom pflichtbewussten, ordentlichen, gehorsamen Deutschen bei den Schwarzen unterminieren und mit diesen gemeinsam einen Aufstand losschlagen. Furcht vor einer „Polonisierung“ Eine Angst vor Vermischung führte auch zu Restriktionen bei der Einreise polnischer Landarbeiter in die Ostprovinzen des Reichs. Das Thema wurde zu einem der bestimmendsten der preußischen Politik. Weil zwischen 1820 und 1920 rund sechs Millionen Deutsche ihre Heimat vornehmlich in Richtung der USA verließen, wurden die Arbeitskräfte knapp. Der wirtschaftlichen Notwendigkeit einer Arbeitsimmigration stand alsbald die Furcht vor einer „Polonisierung“ der Ostprovinzen entgegen. Als deutsche Besonderheit wurde dann für die Arbeitsimmigranten eine Karenzzeit mit Rückkehrzwang in den Wintermonaten eingeführt. In diesem Klima wachsender Arbeitsmobilität erschien insbesondere dem Bürgertum ein gepflegtes „Auslandsdeutschtum als nationale Ersatzgemeinschaft außerhalb territorialer Grenzen, durch die sich Deutsche als Nation erfinden konnten“. Gezielt versuchte das Reich daher nach 1890, die Auswanderung wenn nicht zu stoppen, so doch nach Südamerika umzulenken. Statt als „Kulturdünger“ in anderen Nationen aufzugehen, sollten die Auslandsdeutschen in Brasilien, Argentinien und Chile in eigenen Siedlungen ein beispielhaftes Deutschtum pflegen und damit zur Keimzelle und zum Vorbild einer auf ihr eigenes Wesen neu bezogenen deutschen Nation werden. Die Reform des Staatsbürgerrechts im Jahr 1913 war eine direkte Reaktion auf die Auswanderung, indem sie den Emigranten und ihren Nachkommen als wertvollen Erneuerern ein Rückkehrrecht einräumte, um möglichst wenig von Arbeitsimmigranten abhängig zu sein. Von dort bis zu dem Schlagwort „Kinder statt Inder“ ist es nicht weit. Einen direkten Weg vom Rassismus des Kaiserreichs in den Holocaust habe es aber nicht gegeben, glaubt Conrad. Hierfür seien der Weltkrieg und die Krise von Weimar wichtige Radikalisierungs-Motoren gewesen. Ohne die Erfahrungen des kolonialen Rassismus um 1900 wäre der europäische Rassismus der 1930er Jahre aber zumindest anders verlaufen.
Frankfurter Rundschau, 2. August 2006
Der Titel-Gewinner
Flut-, Grinse- und Brioni-Kanzler: Gerhard Schröder wandelte sich in seiner Amtszeit wie ein Chamäleon
Von Martin Wein
„Ich zucke immer zusammen, wenn ichdas Wort ‚Bundeskanzler’ höre. Ich gucke hinter mich und frage: Steht der Dickeda immer noch?“ Die Selbsteinschätzung Gerhard Schröders aus dem Jahr 1999 istbezeichnend. Die Kanzlerschaft des Sozialdemokraten war ein Wendepunkt in derpolitischen Geschichte Nachkriegsdeutschlands. Nach langen 16 Jahren des Beharrenshielt eine neue Unstetigkeit Einzug in der deutschen Politik. Mit dem Umzugnach Berlin öffnete sich auch die Politik für die Konsum- und Spaßkultur.
Gegen Ende des letzten Jahrtausends verlorenpolitische Funktionsträger fast ausnahmslos ihr klares mediales Profil, wurdenzu Propagandisten ihrer selbst. Vor allem Schröder stand während seinergesamten Kanzlerschaft mehr für seine Person als für ein herkömmliches sozialdemokratischesLager oder für vordefinierte Ideale. Damit wurde er zur ersten Galionsfigurdieser neuen Zeit. Hatten Presse und Rundfunk einem Ludwig Erhardt das Prädikatdes „Volkskanzlers“ angehängt, Willy Brandt zum „Friedenskanzler“ gekürt oderHelmut Kohl zum „Einheitskanzler“, so ließ Gerhard Schröder kein eindeutigesKlischeebild erkennen.
Marcus Hoinle hat kurz nach Ende derÜbergangs-Ära Schröder eine erste analytische Bilanz gezogen. „Wer war GerhardSchröder?“ fragt er in seiner lesenswerten Studie, die vor allem durch ihren sehrumfangreichen wie aufschlussreichen Quellenteil überzeugt. Man reibt sich dieAugen und gibt zerknirscht zu: Eine Antwort auf diese Frage ist schwer zugeben. Wie ein Verwandlungskünstler im Varieté schlüpfte der NiedersachseSchröder in unterschiedlichste Rollen, gab sich als Staatsmann, lümmelte sichan der Bratwurstbude, war Ehemann und Adoptivvater, Kumpel, Industriefreund undTalkshowgast. Er war kaum zu packen und vor allem plötzlich weg wie vomErdboden verschluckt.
Minutiös hat der Autornun erstmals jene Komposita aufgelistet, die Schröder während seinerKanzlerschaft von politischen Kommentatoren zugeschrieben wurden. „Die‚Verschubladung’ der Politik erfordert (…) einen geringeren kognitiven Aufwand,erfüllt für den Bürger mithin eine Entlastungsfunktion durch Stereotypisierungdes Verhaltens, Vorhersagbarkeit von Ereignissen und die Verfestigung vonVorurteilen“, erklärt der Autor die Funktion solcher plakativen Beinamen. Vom„Abokanzler“, „Basta“-, „Beton“- oder „Brioni“-Kanzler ist da zu lesen. „EinChaos-Kanzler taugt nicht für die Geschichtsbücher“, prophezeite die„Süddeutsche“ schon zu Weihnachten 2002. Deutschland werde von einem „Currywurst-Kanzler“regiert, mäkelte „Die Welt“ im Jahr darauf, nicht ohne hämisch und keineswegsmit Blick auf das Sparpotenzial für die Staatskasse anzumerken, der gemeinsamehistorische Wurstverzehr mit dem US-Präsidenten sei nicht an „der Bude“,sondern im Nobel-Restaurant Theodor Tucher im Schatten des Brandenburg er Tores erfolgt.
Schröders Selbstinszenierung in denMedien schlägt sich in äußerlichen Komposita nieder. „Grinsekanzler“ nanntenihn „Die Zeit“ und die „Süddeutsche“, vom „Echthaar-Kanzler“ sprach „Focus“.
In zahlreichen wenig ehrenhaftenBeinamen spiegelt sich der Versuch, Schröders historische Leistungen mitSchlagworten zu greifen. „Frankfurter Rundschau“, „Süddeutsche“ und „Spiegel“feixten über den „Flutkanzler“, der das Hochwasser im Oder-Bruch als gelungeneWahlkampfhilfe benutzte. Doch auch die Fernsehbilder vom „Gummistiefelkanzler“würden verschwinden und neuen Arbeitslosenzahlen weichen, warnte die „SZ“.„Gerhard Schröder ist ein Tsunami-Kanzler. Bricht eine große Welle herein,krempelt er die Arme und Hosenbeine hoch und regiert“, konstatierte drei Jahrespäter erneut „Die Zeit“. Mit 17 Zitaten quer durch das politische Spektrum derTages- und Wochenpresse erscheint dann auch der „Medienkanzler“ als ein Titel,in dem sich Schröders Bild in der Öffentlichkeit am ehesten verallgemeinerndmanifestiert.
Viele Bezeichnungen erscheinenoffenkundig als Versuch, Schröders Arbeit pointiert zu ironisieren. Seineeigene Wandlungsfähigkeit dürfte dazu ermutigt haben. War sein Vorgänger HelmutKohl noch zum Protagonisten einer eigenen Witzgattung geworden, so zeugt derWortfindungsdrang der Presse gegenüber Schröder von dem Unvermögen, ihn treffsicherzu verorten. Immer wieder überraschte er selbst alte Hasen desPolit-Journalismus, indem er unerwartete Haken schlug. Das nahmen sie ihm übel,bisweilen augenzwinkernd, bisweilen hämisch. Wenig gefallen haben dürfteSchröder beispielsweise die Titulatur der „Financial Times Deutschland“, dieihn am 1. Juli 2005 apodiktisch zum „Bald-nicht-mehr“-Kanzler krönte, obgleicher selbst sich wohl als „Ich-bleibe-hier-Kanzler“ sehe.
Auf jeden Fall war die KanzlerschaftGerhard Schröders auch ein Abbild ihrer Zeit, die durch eine zunehmendeFragmentarisierung der Gesellschaft geprägt wurde, ist ein Fazit dieses Buches.Darauf reagierte Schröder wie ein Chamäleon – er perfektionierte denblitzschnellen Farbwechsel, der „Chamäleon-Kanzler“. Allerdings hat ihn offenbarbislang noch niemand so genannt. Versöhnen dürfte ihn indessen, dass auchHelmut Kohl keineswegs ungeschoren davonkam. Er wurde zeitweise unter anderemals „Strickjacken“- und „Bimbes“-Kanzler verunglimpft. Marcus Hoinle, Wer war GerhardSchröder, Tectum 2006, 282 Seiten, 24,90 Euro.
DIE ZEIT, Ausgabe vom 6. April 2006
Sturmflut im Trockenen Büsum macht Wind. Das Erlebniscenter Blanker Hans inszeniert die Katastrophe von 1962
Von Martin Wein
Zum Blanken Hans ist es ganz schönweit. Mit der Stichbahn geht es von Heide in Holstein über plattes Landans Meer. Draußen Weiler wie Tiebensee und Wesselburen – und unzähligeWindräder. Drinnen im Triebwagen eine Hamburgerin auf Erholungssuche.Die Windräder hielten den Wind auf, sagt sie. Deshalb komme in diesemFrühjahr keine Warmluft nach Deutschland. Sie brauche dringend Urlaub,sagt die Frau.
Am Ende der Bahnlinie,direkt hinter dem Deich der Meldorfer Bucht,liegt Büsum. Büsum ist ein Synonym für Urlaub: eine Kartbahn, zweiMinigolfplätze, acht Eisdielen, 14 Spielplätze, 20 Cafés, 46Souvenirgeschäfte und Boutiquen, 92 Restaurants für 160000Übernachtungsgäste sowie 300000 Tagestouristen. Die aktuelleWerbebroschüre des Ortes weist 4828 Einwohner aus. Der Fußweg vomBahnhof ans Meer führt vorbei an den Gästequartieren Wattwurm undAusternperle zum Kutterhafen. Eine Möwe schnappt sich Pommesreste vonder Straße. Ein Ausflugsschiff sticht unter heulendem Typhon in See.
Mit dieser relativen Beschaulichkeit wird es nach dem Wunsch vonDirk Schumaier bald ein Ende haben. Und zwar dann, wenn der 7,8Millionen Euro teure Blanke Hans Büsum endgültig ins 21. Jahrhundertkatapultiert. Dirk Schumaier ist der Geschäftsführer des örtlichen Kur-und Tourismus-Service (KTS). In den vergangenen Jahren baute er bereitsein Spaßbad und ein Wellness-Zentrum am Hafen, und die Strandpromenadewurde auch aufgehübscht. 25 Millionen Euro hat KTS in die Ertüchtigungdes Ortes investiert. Der Blanke Hans ist die letzte Großinvestition.Von Ostersonntag an sollen die Schrecken der Sturmfluten, inszeniertals High-Tech-Attraktion, Touristenscharen in das Nordsee-Heilbadlocken. »Zur Jahrtausendwende war Büsum ein kuscheliger Kurort mit demCharme der Siebziger. Da konnte man nur massiv gegensteuern, um nichtunterzugehen«, sagt Schumaier.
Untergehen ist ein gutes Stichwort. Der Blanke Hans treibt künftigin einer silbernen Industriehalle am Ortsrand sein Unwesen. DieGeschichte beginnt gleich links vom verglasten Eingang in einernachgestellten Kneipe: Zum Deichgrafen. Rustikales Dekor, großgemusterte Tapeten und ein Fernseher fast mit Bullaugenformat stehenfür die Zeitreise zurück zum 16. Februar 1962. An diesemverhängnisvollen Abend hieß es »Land unter« an der deutschenNordseeküste. Die schlimmste Sturmflut seit 100 Jahren traf allein inHamburg 60000 Menschen.
Neue Unwetterwarnungen aus dem Kofferradio. Rette sich, wer kann!
Im Deichgrafen währt die gute Stimmung nicht lange. Eben hat der alsWirt verkleidete Schauspieler hinter dem Tresen die hereingeströmtenGäste begrüßt. Schon warnt die Tagesschau imBullaugen-Fernseher eindringlich vor einer verheerenden Flut. Die Gästeflüchten in den höher gelegenen Lagerraum der Kneipe. Das Wassergluckst bereits unter ihren Füßen. Der Strom fällt aus. DasTransistorradio knarzt eine neue Unwetterwarnung. Rette sich, wer kann!
Vor der Kneipe bläst den Mutigen der Sturm insGesicht, Regen peitscht aufs Blechvordach, unter das die Besucher ausdem Lager des Lokals treten. Doch gleich vor ihnen warten orangeroteRettungskapseln auf ihren Einsatz. Die Schiebetüren schließen sichhinter den Flüchtlingen, die für diese Simulation zehn Euro Eintrittgezahlt haben. Es beginnt ein zehnminütiger Ritt durch Wind und Wellen,vorbei an 21 Filmsequenzen. Eine Katastrophe, garantiert ohne nasseFüße, verspricht Schumaier: »Wir wollten ja gerade eine authentischeIndoor-Attraktion schaffen, bei der das schlechte Wetter draußenbleibt.«
Die Bahn der Zierer Karussell- und Spezialmaschinenbau GmbH fuhr imvergangenen Jahr durch die Bionik-Ausstellung im deutschen Pavillon aufder Weltausstellung im japanischen Aichi. Sie kann nicht nur auf 28Stundenkilometer beschleunigen, sondern wartet mit zwei einmaligenÜberraschungseffekten auf. Die Gondeln werden an einer Stelle von dersteigenden Flut senkrecht emporgehoben. Später koppelt die Kapsel aufeiner frei beweglichen Bühne vor einer 180-Grad-Leinwand aus denSchienen aus. Während der folgenden 90-sekündigen filmischen Zeitreisedurch die Geschichte der Sturmfluten werden die Insassen kräftigdurchgerüttelt, bis sie im Jahr 2006 in einer virtuellenOff-Shore-Forschungsstation aussteigen dürfen.
Die allein im Eröffnungsjahr erwarteten 170000 Besucher sollen abernicht nur eine Gänsehaut bekommen, sondern sie sollen auch aufgeklärtwerden. Während die Besucher auf einer Tribüne in der virtuellenStation wieder zu Atem kommen, erklärt ihnen ein Film auf Großleinwanddie Ursachen von Ebbe und Flut. Ein Griff in die Windmaschine verrätBinnenländlern, wie sich ein ausgemachter Orkan anfühlt. Und amBildschirm können sie nachvollziehen, was passieren wird, wenn dieKlimaerwärmung in den kommenden Jahrzehnten das Polareis schmelzen undden Meeresspiegel steigen lässt. Auf Knopfdruck läuft die NorddeutscheTiefebene voll wie eine Badewanne. Man fragt sich dabei unweigerlich:Warum haben die Büsumer da überhaupt noch in den Blanken Hansinvestiert?
Der Deichbau macht’s möglich, gibt es eine Treppe weiter unten diepassende Antwort. »Archiv des Wissens« heißt dieser Raum, der mitseinen hohen Regalen aussieht wie eine Forschungsbibliothek, nur nichtso staubig. Hier liefern Modelle, Bücher und Bildschirme gebündelteInformationen über Halligen, Wurten und Deichprofile, zum Leben an derKüste einst und jetzt. Eine Ecke ist den jungen Besuchern gewidmet,denen ein eigens produzierter Film die Thematik nahe bringen soll.
Sandsäcke stapeln sich im »Raum der Stille«. Den Gast schaudert’s wohlig
Eines der wenigen echten Exponate aus dem Jahr 1962 ist eine zweiMeter hohe Sturmflutsirene aus Hamburg-Wilhelmsburg. Dertürkischstämmige Bremer Anwalt Turgut Pencereci hat sie bei eBay vonder Hamburger Innenbehörde ersteigert und den Büsumern zur Nutzungüberlassen. Die nehmen sie mit doppelter Dankbarkeit, denn Büsum soffnur deshalb 1962 nicht ab, weil die Deichbrüche in Hamburg denWasserdruck in Büsum abschwächten. In der Hansestadt starben damals 315Menschen. Lokale Zeitzeugen berichten davon in einem weiteren Film.
Im »Raum der Stille« stapeln sich schließlichSandsäcke, die mit den Zahlen der Verluste an Menschen, Vieh undSachwerten bedruckt sind. »Wer nicht deichen will, der muss weichen«und »Trutz, Blanke Hans!«, schweben projizierte Spruchbänder durch dassphärische Blau. Sturmfluten sind bei allem Kirmesgewitter ein ernstesThema, will diese Installation sagen. Für mehr als wohligen Schauderwird das Spektakel indessen kaum reichen. Die Gewalt der Natur vermagauch die aufwändigste Simulationstechnik nur anzudeuten. Und zurKontemplation bleibt kein Raum. Fazit der Ausstellung: Es ist einRisiko, hinter dem Deich zu wohnen, noch heute.
Der Schutzwall ist nur 150 Meter entfernt, wie Manager mit Weitblickdurch die wellenförmigen Panoramascheiben der Konferenzräume in derzweiten Etage sehen können. Sie werden für kleine Tagungen exklusivvermietet. Durch die Fenster sieht man auch auf das Meer hinter demDeich, heute nur leicht bewegt. In weiter Ferne grüßt die Alte Liebe inCuxhaven. Ein beruhigend echter Anblick nach so viel Simulation. Demgemeinen Volk bleibt die Restauration im Erdgeschoss mit DithmarscherSpezialitäten wie Krabbenrührei auf Schwarzbrot oder Mehlbeutel mitSpeck und Kirschsoße.
Und wo bleibt der Schimmelreiter, Theodor Storms markanterDeichgraf Hauke Haien, der der Allgewalt des Blanken Hans die Stirn zubieten wagte? Schumaier, ganz Geschäftsmann, hat sofort die Antwort:»Den kriegen Sie im Shop.«
Weser-Kurier / Bremer Nachrichten, Bremen 15. September 2005
Steine streicheln in Loxstedt
Die Zeit drängt: Bis Mitte Januar muss die größte FlächengrabungNorddeutschlands abgeschlossen sein. Fernab von bekannten Ausgrabungsstätten lernenStudenten aus Hamburg und Berlin von den Fachleuten des Instituts für historischeKüstenforschung in Wilhelmshaven das Rüstzeug des Archäologen.
Von Martin Wein
Metallisch polternd greift die Baggerschaufel inden Mutterboden. Wo sich eben noch ein Acker erstreckte, liegt jetzt die Geestoffen zutage. Dunkle Flecken im gelben Sand verraten, dass hier vor 1600 Jahrendie damaligen Bewohner Grubenhäuser zum Weben, Baden, Backen oder als Viehställein den Boden versenkten. 100 solcher Konstruktionen und einige Langhäuser habender Archäologieprofessor Dr. Haio Zimmermann vom Institut für historischeKüstenforschung in Wilhelmshaven und seine Kollegen in diesem Sommer bereits amWeserufer in der Nähe von Loxstedt gefunden. „Ich hoffe auf keine weiteren Befunde“,sagt der Grabungsleiter mit kritischem Blick auf die noch zu öffnenden Flächen,„sonst werden die schlaflosen Nächte noch zahlreicher“.
Ein Wissenschaftler, der keine Ergebnisse will? Kaumzu glauben für 20 Studierende der Ur- und Frühgeschichte von den UniversitätenHamburg und Göttingen und der Humboldt-Universität Berlin. Sie sind zu Zimmermannin die Provinz gekommen, um archäologische Feldforschung unter realenBedingungen zu erleben. Pinsel und Pinzette können sie getrost im Rucksack lassen,denn Loxstedt ist eine Notgrabung und die Forscher arbeiten hier im Wettlaufgegen die Uhr nach dem Motto: Bergen, was zu bergen ist.
Im kommenden Frühjahr sollen auf dem fast neunHektar großen Gelände Wohnhäuser entstehen. Nur bis Mitte Januar habenZimmermann und seine Mannen Zeit, Befunde zu sichern. Ist das Gelände bebaut,ist es für die Wissenschaft verloren. „Wir werden wahrscheinlich kaum nocheinmal Gelegenheit bekommen, eine so umfangreiche Flächengrabung umzusetzen“,glaubt der Institutsleiter.
Zwischen 1981 und 2000 wurde schon einmal auf derGeestinsel bei Loxstedt gegraben. Siedlungsreste aus dem 1. Jahrhundert vor biszum 6. Jahrhundert nach Christus wurden geborgen. „Ich war gerade mit derAuswertung der Ergebnisse fertig. Jetzt wird Loxstedt mich noch Jahrebeschäftigen“, sagt Grabungstechniker Manfred Spohr. Mit Ronald Stamm und DirkDallaserra sowie zehn Ein-Euro-Kräften versucht er, dem Boden ein Maximum anInformationen zu entlocken. Dass der Bagger beim Aufreißen der 20 Meter breitenSuchgräben den Siedlungshorizont und vermutlich viele Bodenfunde wegreißt,schmerzt den Kenner. „Aber wir dürfen nicht zimperlich sein, wo doch jeder Tagimmense Baggerkosten verursacht.“
Vor allem geht es den Wissenschaftlern um Funde ausder Achsenzeit zwischen Altertum und Mittelalter. Die Frage ist: Wurde Loxstedtals typische Geestsiedlung in der Zeit der Völkerwanderung ebenfalls verlassenund erst im Mittelalter wieder besiedelt? „Wir hatten zuerst England als Ziel imBlick“, sagt Zimmermann, „aber die Leute zogen wohl nur nach nebenan.“
Gerade in Loxstedt erweist sich Archäologie alsdas, was sie in der Tat ist: Ein großes Puzzle. „Irgendwie ergibt das noch keinBild“, bedauert Dennis Meiners aus Wilhelmshaven. Nachdem ihn das Jurastudiumein Semester lang abschreckte, wechselte der Student in Göttingen zur Vor- undFrühgeschichte. Jetzt hat der 22-Jährige ein Pergamentpapier auf einen Plan derneuen Loxstedter Siedlungsreste gelegt. Darauf zeigen Linien und Punkte dieVerfärbungen im Boden, die Pfähle und Pfosten hinterlassen haben. Oft ist beiSonnenschein nur der „ghost of the post“ zu erkennen, der verwaschene Schatteneines Pfahles. Aus dem Gewirr sich überlagernder Befunde sollen Dennis undseine Kommilitonen Grundrisse von Häusern, Ställen und Unterständenherauslesen.
Der inzwischen 78 Jahre alte frühereInstitutsleiter Prof. Dr. Peter Schmidt hat den Ausgräbern in ihrer Not unterdie Arme gegriffen und die Bodenfunde, vor allem Keramikscherben, datiert.Jetzt tragen Dennis und die anderen Studenten die Ergebnisse in die Karte ein.So wird das Bild etwas klarer, doch Funde aus der gesuchten Zeit bleibenEinzelfälle.
Zurück deshalb zur Grabung: Dort ist penibleOrdnung das ganze Erfolgsrezept, will man den kargen Befunden Wissenswertesentlocken. Mit Lot, Messband, Fluchtstäben und Winkelspiegel lernt der Forschernachwuchszuerst, das Gelände einzumessen. Sowohl nach Lage und Höhe müssen die Fundespäter exakt kartiert werden können. In Loxstedt hat das Cuxhavener Katasteramteinige Referenzpunkte bestimmt. Ein Tachimeter misst mit Bezug auf diese Punktedie Fundpositionen und überträgt sie an den Speziallaptop. Was früher mit derHand kartiert werden musste, taucht heute wie von Geisterhand auf demBildschirm auf.
Dazu werden alle Funde sofort mit einer Nummerversehen und akribisch katalogisiert. Imke Schröder, Studentin in Hamburg, ziehtein Stück Holzkohle aus einem alten Meiler und tütet es mit der Nummer ein. DieBiologen im Institut werden später sein Alter bestimmen.
Außerhalb des Siedlungsplatzes rammen Studenten mitschweren Hämmern Bohrgestänge in den sumpfigen Grund. Fauliger Geruch umgibtdie Gruppe, als die Stange aus drei Metern Tiefe ans Tageslicht kommt. DieMudde im der Bohrprobe verrät: Hier muss früher ein See gewesen sein. Späterkönnte ein Botaniker hier Proben nehmen. Pflanzenreste von Siedlungszeigern wieSauerampfer oder Spitzwegerich könnten dann verraten, wie die Menschen frühererZeiten ihre Umwelt veränderten, welche Getreide sie anbauten, wie sie ihr Viehhielten.
Indem es verschiedene Forschungs-Disziplinen untereinem Dach versammelt, ist das Wilhelmshavener Institut für derartigeGrabungskampgnen bestens gerüstet. Selbst chemische Nachweisverfahren kommenzum Einsatz. Bei der Phosphatkartierung werden Bodenproben auf ihrenPhosphatgehalt untersucht. „Wir können daran erkennen, wo im Haus das Viehgehalten wurde, wo die Kochstelle war und wo die Menschen geschlafen odergearbeitet haben“, sagt Zimmermann. Selbst der Abort hat meist windgeschützt imNorden der Häuser unverkennbare Spuren hinterlassen, wo der Laie nur ein paarErdkrumen sieht.
Das penible „Lockenzählen“ an griechischen oderrömischen Statuen, das klassische Archäologen betrieben, interessiert DennisMeiners weniger. Gerade die aus Laiensicht bescheidenen Befunde wecken in ihmden kriminalistischen Spürsinn.
Viel Phantasie, ein freier Geist und ein gutesKombinationsvermögen gehören dazu, sich die Welt vor fast zwei Jahrtausendenvorzustellen. „Fassen Sie mal diesen Stein an“, sagt Zimmermann verzückt undhebt einen großen Kiesel auf. „Steine streicheln“ nennt er das. „Sie können dieGebrauchsspuren deutlich fühlen. Den hatte schon mal jemand in der Hand vorvielleicht 1800 oder 2000 Jahren. Er hat auf ihm gearbeitet oder mit ihmGetreide gemahlen. “
Ostfiresland-Magazin, August 2005
Das Öl unter den Weiden
Die größten Salzkavernen Europas inWilhelmshaven speichern Deutschlands Ölreserve für Krisenfälle. Unweit der Jadelagert Rohöl im Wert von fast 300 Millionen Euro. Martin Wein hat sichangesehen, was sich unter den Viehweiden in der Erde verbirgt.
„In die Kavernewollen Sie heute aber nicht einfahren? Unsere Fahrstühle sind derzeit alleaußer Betrieb“, sagt Rudolf Bujunga, der technische Leiter derNordwest-Kavernengesellschaft (NWKG) in Wilhelmshaven.
Fahrstühle – ein Aprilscherz im Herbst!Mehr oder weniger ahnungslose Medienvertreter sorgen bei Bujunga in diesenTagen für ungewohnte Betriebsamkeit. Seitdem die Bundesregierung beschlossenhat, nach dem Wirbelsturm über Louisiana und dem danach bis auf 70 Dollar proBarrel gestiegenen Rohölpreis Teile der strategischen Ölreserven des Bundes zuverkaufen, werden selbst reguläre Wartungsarbeiten von Passanten für den Beginndes großen Ausverkaufs gehalten.
1200 bis 2000Meter unterhalb der Viehweiden im Nordwesten der Stadt zwischen Altengroden undFedderwarden lagern in 35 künstlichen Salzkavernen 6,3 Millionen KubikmeterRohöl, die Deutschland im Krisenfall 90 Tage lang eine unabhängige Versorgungsichern sollen. Weitere kleinere Kavernenanlagen betreibt die NWKG in Bremen-Lesum,in Sottorf bei Hamburg und in Heide in Holstein.
Obwohldie größte Kavernenanlage Europas in Wilhelmshaven ganz offiziell dem Bergrechtunterliegt und der Aufsicht des Landesbergamtes in Clausthal-Zellerfelduntersteht, fährt hier kein Kumpel mit Grubenlampe untertage ein. Um zuverstehen, was die 49 Mitarbeiter hier tun, fahren Betriebsmeister Hans-GünterGoldner und Feldinspektor Markus Rieder auf einspuren Wegen an wiederkäuenden Schwarzbuntenvorbei zum Kavernenkopf K310. „Stellen Sie einen Supertanker mit 600 000Kubikmeter Fassungsvermögen senkrecht, dann wissen Sie, was sich hier unter derErde befindet“, erklärt Goldner. Ein Durchmesser von 80 und eine Höhe von 300Metern pro Kaverne seien zulässig. Dennoch habe die kaum die Größe einesNadelöhrs im Vergleich zu einer Apfelsine, hatte zuvor Betriebsleiter AdolfPhilipp bei der Begrüßung im Büro betont.
Sicherheitist das A und O bei solchen Lagermengen. Und eben in der Sicherheit liege dergroße Vorteil der Salzkavernen. Im Unterschied zu oberirdischen Tanks sei einAuslaufen ebenso unmöglich wie bei dem herrschenden Sauerstoffabschluss eineExplosion, so Philipp.
„Bislangverkaufen wir auf Beschluss des Wirtschaftsministeriums nur Normalbenzin undDiesel, aber kein Rohöl, das in Wilhelmshaven lagert“, betont Eberhard Pott,Vorstandsmitglied des Erdölverarbeitungsverbandes (EBV) in Hamburg, dessenTochterunternehmen die Kavernengesellschaft ist. Im EBV, einer Körperschaft desöffentlichen Rechts, sind alle Erdöl verarbeitenden Unternehmen Zwangsmitglieder.
Dassauch die in Wilhelmshaven eingelagerten Rohölreserven unter den Hammer kommen, istunwahrscheinlich. Im Krisenfall genügten dennoch ein paar Tastaturbefehle inder Steuerwarte und bis zu 3000 Kubikmeter Öl in der Stunde würden sich in einerPipeline auf den neun Kilometer langen Weg zum Anleger der Nordwest-Ölleitung(NWO) an der Geniusbank machen, von wo sie per Tanker verschifft oder durchLeitungen ins Ruhrgebiet und nach Hamburg gepumpt werden könnten. „Dazu würdemit geringem Druck Wasser in die Kavernen geleitet. Das leichtere Öl schwimmtdann von selbst oben auf“, sagt Goldner.
NurWasser war es auch, das ab 1968 die Kavernen entstehen ließ. Durch Bohrlöcherin den Salzstock Rüstringen gepresst, löste es das Salz kontrolliert zu Sole,die an die Oberfläche gepumpt und in die Jade abgeleitet wurde. Da Salz im Ölnicht lösbar ist, kann Öl bedenkenlos in den entstandenen Hohlräumeneingelagert werden. Allerdings presst der Druck der darüber liegendenGesteinsmassen die Kavernen in geologisch relevanten Zeiträumen zusammen,weshalb sie mit weiteren Spülvorgängen immer wieder künstlich vergrößertwerden. So ausgefeilt ist mittlerweile die deutsche Technik, dass Adolf Philippvor einigen Jahren entsandt wurde, den USA beim Aufbau ihrer strategischenÖlreserven in Salzkavernen zu helfen.
Wie es unter denKuhweiden von Wilhelmshaven tatsächlich aussieht, dass hat noch keiner derIngenieure mit eigenen Augen gesehen. Fahrstühle Fehlanzeige! EchometrischeSonden immerhin kontrollieren regelmäßig die Größe und Form der Kavernen. Auchwenn die wirtschaftlich nur für den Betrieb von drei Jahrzehnten ausgelegtwaren, könne man in Wilhelmshaven wohl noch Generationen lang Öl einlagern,schätzt Adolf Philipp. Das Problem dürfte eher sein, dass die natürlichenÖlvorkommen des Planeten irgendwann erschöpft sind.
Der Tagesspiegel, Berlin, 19. Mai 2005
Die neue Bärenmarke Der Vater ist weiß, die Mutter dunkelbraun – die Natur hat nicht vorgesehen, was im Zoo von Osnabrück geschah
Von Martin Wein , Osnabrück
Shakespeare hätte sich davon vielleicht inspirieren lassen. Er hätte heute leben und eine Eintrittskarte für den Zoo in Osnabrück lösen müssen. Gesehen hätte er: ein Drama. Es handelt von einer betrogenen Ehefrau (Sonja), einer liebestollen Witwe (Susi), einem alten Herrn, der die Chance zum Seitensprung wahrnimmt (Elvis), einer reizenden Tante (Ossi), einem regierungsmüden König (King), es handelt von Kindsmord und zwei Bastarden.
Die Bastarde heißen Tips und Taps. „Sie sind halb Eisbär, halb Europäischer Braunbär“, sagt Biologe Jörg Fliße. Fliße trägt eine grüne Weste, sie kennzeichnet ihn als Zoomitarbeiter. Tips und Taps sind wohl die Einzigen ihrer Art, sagt er. Ein Unfall im Zooalltag, über den sie hier nur ungern öffentlich reden. Er zeugt von einer nicht artgerechten Tierhaltung. In freier Wildbahn laufen sich beide Bären nicht über den Weg. Mischlinge sind wider die Natur.
Doch das Ergebnis des Unfalls ist nicht zu übersehen. „Es ist passiert, jetzt stehen wir dazu“, sagt Fliße möglichst locker, und er zeigt bereitwillig den Weg an den Flamingos vorbei zum Bärengehege, einer grabenumwehrten Betonanlage mit Wasserbecken und Baumstämmen zum Kratzen.
Hier beginnt im Jahr 1980 der 1. Akt, als Braunbären, Eisbären, Kragenbären und Schwarzbären in einer Wohngemeinschaft zusammenziehen. Sie haben nicht darum gebeten. Niemand hat sie gefragt. Sie arrangieren sich, leben paarweise monogam, planschen gemeinsam im Pool. Sie brummen und werden zusammen alt.
Nach 20 Jahren jedoch ist diese Form der Tierhaltung überholt. Heute hält man nur Arten zusammen, die auch in der Natur zusammenleben. Auch in Osnabrück sollen nach dem Tod der Alten die wilden Zeiten enden, die Gemeinschaftsanlage soll einem modernen Gehege mit Panoramascheiben, bewohnt von nur einer Bärenart, weichen. Erst läuft alles nach Plan. 2003 schickt der Tierarzt Braunbärenmann Durjan – von Arthrose geplagt – in den Bärenhimmel.
Übrig bleiben die alternden Eisbären Sonja und Elvis, daneben die Braunbärenschwestern Susi und Ossi und der eigenbrötlerische Kragenbär King. Majestät interessiert sich herzlich wenig für andere Pelze. Ihm bleibt in diesem Stück nur die Komparsenrolle des stillen Beobachters.
Auch die übrigen Darsteller wähnt man im biologischen Ruhestand. Doch was wissen schon Menschen? Der Rest der Bande intrigiert gegen die Pläne der Direktion, womit der 2. Akt beginnt.
Die Bären schreiten zum stillen Aufstand gegen die Artenschranken. Braunbärin Susi (Ursus arctos arctos) und Eisbär Elvis (Ursus maritimus) interessieren die Konventionen wenig und die Gelegenheit ist günstig. Elvis hat mit Gattin Sonja zwar Jahre zuvor Nachwuchs auf die Beine gestellt. Leider aber waren beide als Eltern unerfahren und erkannten die eigenen Kinder nicht. So verspeisten sie den eigenen Nachwuchs und blieben kinderlos.
Der Braunbärin Susi wiederum ist als Witwe nach Durjans Tod langweilig. Die Tierpfleger merken mindestens 15 Monate lang nichts. Tieroberpfleger Ortwin Imming sagt: „Am 21. Januar 2004 lagen auf einmal zwei kaffeebraune Wollknäuel in Susis Wurfbox. Keiner hatte vorher etwas von der Schwangerschaft bemerkt.“
3. Akt: Nicht nur die Tierpfleger staunen gewaltig. Auch Susis Schwester Ossi bekommt den Schock ihres Lebens. Beleidigt ist sie nicht, im Gegenteil. „Vielleicht hat Ossi das seltsame Treiben ihrer Schwester verwirrt. Jedenfalls hält sie sich selbst für die Mutter“, sagt Imming. Die treue Tante wird scheinschwanger und produziert wie Susi noch heute Milch für die Kleinen.
Tips und Taps sind inzwischen heller geworden, cremefarben ist ihr Fell nun. Sie haben zugelegt, bekommen neben der Milch auch Fleisch, Fisch, Gemüse und im Winter reichlich Lebertran. „Man kann sie schwer unterscheiden“, sagt Biologe Fliße. Taps, der Junge, komme mehr nach dem Vater, sei stattlich mit hohem Rücken wie ein Eisbär. Tips, das Mädchen, ist eine zierliche Schönheit, die gerne mit dem Kopf auf ihren Tatzen ruht und das Publikum beobachtet. Dazu hat sie vor allem vormittags Gelegenheit, denn nachmittags müssen Braunbären und Bastarde ins Haus.
Die betrogene Sonja hat ihrem Mann den Seitensprung gnädig verziehen. „Sie leben immer noch friedlich zusammen“, berichtet Tierpfleger Imming, „wo sollten sie auch im Zoo die Scheidung einreichen?“ So hat denn die Geschichte fast ein Happy End. Die Mischlingsbärchen sind, seit alles raus ist, die Stars bei den Zoobesuchern und damit vor der aus biologischer Sicht vielleicht sinnvollen Erschießung zunächst sicher. Die Forschung lässt sie in Ruhe: „Dieser Fall ist wohl einfach zu ungewöhnlich“, vermutet Biologe Fliße. Der Umbau der Bärenanlage wurde zunächst auf Eis gelegt. Bis über das Schicksal der Mischlinge entschieden ist.