Auf dieser Seite finden Sie einige ausgewählte Artikel von mir aus deutschen Medien als Referenztexte. Gerne berichte ich auch für Ihre Publikation bzw. Ihr Medium. Weitere Texte aus dem Bereich Reise finden Sie auf meinem Portal Berichte von anderswo.
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Pferde, Fachwerk, Mettbrötchen
Was 65 Jahre nach der Landesgründung als
typisch niedersächsisch gilt
Nach außen sind sie sich einig, die 7,9Millionen Niedersachsen: „Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen“, sangen Ministerpräsident David McAllister (CDU) und Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD), sein Herausforderer bei der nächsten Landtagswahl, gemeinsam auf der Weltausstellung 2010 in Shanghai. Doch sind die Niedersachsen auch sonst so klar von anderen Deutschen zu unterscheiden – und was zeichnet Niedersachsen aus?
Weser-Kurier, 8. Januar 2012
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Ausgeträumt
Auf Spiekeroog, sagen die Einheimischen, soll man durchatmen. Wer es eilig hat, mag woanders hinfahren. Niels Stolberg hat es immer eilig. Als der Reeder vor zehn Jahren die Insel betrat, war er Millionär und investierte im großen Stil. Heute ist er pleite. Und die Insel muss sich neu erfinden.
Spiekeroog, Globalisierung und Wirtschaftskrise – auf den ersten Blick passt das nicht zusammen. Sacht streicht der Wind durch die Dünen. Auf dem Slurpad schleppen die Feriengäste ihre Schwimmringe, Kescher und Badetücher fast andächtig in langer Prozession vom Bilderbuchdorf zum blütenweißen Strand. Spiekeroog im Sommer ist ein Nordsee-Idyll – so beschaulich, dass selbst der eilige Fußgänger schon unnötig viel Wind zu machen scheint. Radfahrer sind auf der zentralen Nervenader der Insel sowieso tabu. Eine Fahrrinne für regelmäßige Schiffsverbindungen gibt es nicht, einen Flugplatz schon gar nicht. Manche sprechen von einem besonderen Gefühl, dem Spiekeroog-Gefühl. Hier gilt: Durchatmen! Wer es eilig hat, der soll woanders hinfahren.
Doch hinter der malerischen Kulisse ist die Insel zum Spielball globaler Finanzströme geworden, seitdem ein Investor vom Festland hier alles umkrempeln wollte, auf dem Finanzparkett ins Rutschen geriet und im Frühjahr wohl an seiner eigenen Hybris scheiterte. Jetzt ist er pleite, seine Firmen in Insolvenz und auf Spiekeroog müssen sie selbst erst mal durchatmen.
Augsburger Allgemeine, 3. September 2011
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Wie die Region die Katastrophe überlebt
Auch die zivile Nutzung der Kernkraft ist ein Spiel mit dem Feuer. Seit der Katastrophe im japanischen Fukushima weiß jeder, dass doch sein kann, was nicht sein darf. Bei einem GAU im AKW Unterweser gilt: Rette sich, wer kann. Wer nicht kann, hat hoffentlich weiße Laken im Haus und einen tiefen Keller.
Acht Zentimeter Papier entscheiden im Ernstfall über Leben und Tod. Zwei Kilogramm Zellulose, die Karl-Heinz Röben in einen roten Leitz-Ordner geheftet hat. „Da steht alles drin“, sagt der Fachbereichsleiter für Ordnung, Schulen und Verkehr im LandkreisWesermarsch. In seinem Büro imKreishaus in Brake plant der oberste Katastrophenschützer für den Fall der Fälle. Als Standort-Landkreis haben er und sein Stab das Sagen, wenn das Kernkraftwerk Unterweser in die Luft fliegt. Benachbarte Kreise wie Cuxhaven, Friesland oder die Stadt Bremerhaven folgen ihren Empfeh-
lungen.
Weser-Kurier, 9. Mai 2011
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Guttenberg und die Zweite Moderne
Die digitale Revolution zwingt herkömmliche Institutionen zur Neubestimmung. Die Demokratie kann davon profitieren, wie die Wikileaks-Affäre und die Causa Guttenberg zeigen.
Weser-Kurier, 6. März 2011
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Und wenn der letzte Mast auch bricht
Historische Schiffstagebücher sollen aktuelle Klimamodelle eichen. In Hamburg werden derzeit 37 000 Journale ausgewertet
Am 17. Oktober 1905 gewährt Russlands Zar Nikolaus II. nach
dem Petersburger Blutsonntag seinem Volk im Oktobermanifest endlich bürgerliche Freiheiten und die Wahl eines Zwei-Kammer-Parlaments. Am selben Tag hat Kapitän Christian Jürgens von der Insel Föhr auf dem Segel-Frachter „Susanna“ ganz andere Probleme: „4 Uhr: Heftiger Sturmmit orkanartigen Hagelböen, 8 Uhr: Gewaltig, hohe See“, notiert er knapp im Schiffstagebuch. „16 Uhr: Orkan. Böen schnell aufeinanderfolgend, 20 Uhr: Hefti-
ger Sturm, wilde See.“
Die Umseglung von Kap Hoorn am südlichsten Zipfel von Chile ist bis heute eine Herausforderung. Doch selten war das Wetter so ungünstig wie im Herbst und Winter 1905. 30 Besatzungen strichen damals die Segel und steuerten lieber sichere Häfen auf den Falkland-Inseln, Uruguay oder in Brasilien an. Fünf Schiffe strandeten oder mussten von ihrer Besatzung aufgegeben werden...
Berliner Zeitung, 22. Februar 2011
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Klimawandel untergräbt Deichsicherheit
Forscher Hans von Storch sagt für Norddeutschland voraus: Mehr Hitze im Sommer, mehr Regen im Winter
Der Treibhauseffekt wird das Leben an der Küste verändern: Es wird mehr Regen im Winter geben und mehr Hitze im Sommer, und der Meeresspiegel steigt. Das Zwei-Grad-Ziel beim Klimaschutz sei kaum noch zu erreichen, glaubt Klimaforscher Hans von Storch, der anlässlich des derzeit tagenden Weltklimagipfels in Cancun/Mexiko Stellung bezieht. Von Storch hat eine Professur am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg und leitet seit 2001 das „Institut für Küstenforschung“ am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht. In den vergangenen Jahren wurde er zum beredten Gegner alarmistischer Positionen. Martin Wein hat mit ihm gesprochen.
Weser-Kurier, 2. Dezember 2010
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Atome im freien Fall
In Bremen experimentierenQuantenphysiker in der Schwerelosigkeit
Wenn Holger Ahlers auf den Knopf drückt, stürzen 500 Kilogramm Elektronik haltlos in die Tiefe. 196 Mal haben der Doktorand und seine Kollegen ihre Versuchsaufbauten im Fallturm der Uni Bremen schon in den Abgrund geschmissen und damit jedes Mal Kosten von rund 5000 Euro verursacht. Ein teures Spielzeug für übernächtigten, blassen Physiker-Nachwuchs? „Unser Fallturm ist im Vergleich zu anderen Möglichkeiten ein wirklich günstiges Unterfangen“, berichtet Peter von Kampen. Er ist kaufmännischer Leiter der Fallturm-Betriebsgesellschaft. Denn bis dieGeräte nach 110 Metern freiem Fall mit einer Geschwindigkeit von 170 Kilometern pro Stunde in einem Behälter mit Styroporkugeln einschlagen, sind sie exakt 4,7 Sekunden schwerelos. Das aber ist eine Eigenschaft, die auf Erden sonst kaum und im All nur mit hohen Kosten zu nutzen ist.
Berliner Zeitung, 26. Oktober 2010
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Orkan am Ende des Tunnels
In Göttingen testet eine weltweit einmalige Simulationsanlage den Zug der Zukunft
Ein dunkler Tunnel, an den Eingängen mit Kunstmoos dekoriert, gehört zu jeder ordentlichen Modelleisenbahn. Die neue Modellanlage im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) am Standort Göttingen macht da keine Ausnahme. Allerdings fehlt dem Tunnel hier sein nostalgischesGepräge – und der Fahrspaß ist von kurzer Dauer. Schon nach weniger als einer Sekunde werden die Modellzüge in einer drei Meter langen Fanghülle von Styroporkügelchen aufgehalten. Doch zuvor rasen sie auf der 60 Meter langen Strecke mit Geschwindigkeiten von bis zu 360 Stundenkilometern durch Tunnel und unter Brücken hindurch und werden dabei extremen Seitenwinden ausgesetzt.
Frankfurter Rundschau, 13. Oktober 2010
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Dem Augenblick ein Schnippchen schlagen
Er lebte für den Moment und schuf daraus im Atelier Kunst für die Zukunft. Eine große Emder Ausstellung würdigt Erich Heckel als stillen Expressionisten und beschreibt den Dreiklang seiner Arbeiten.
Wilhelmshavener Zeitung, 2. Oktober 2010
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"Das rote Tuch der Freiheit stieg auf"
November 1918: Rote Flaggen in Wilhelmshaven, die Matrosen meutern – Revolution! Richard Stumpf, Matrose auf der „S. M. S. Helgoland“, schreibt Tagebuch. Kommentierte Auszüge aus seinem exemplarischen Bericht lassen die Dramatik jener Tage fast mit Händen greifbar werden - vom Ersten Weltkrieg, der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", bis zum Beginn einer neuen Zeit.
Weser-Kurier, 9.11.2008
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Auf Sand gebaut
Wie ein Springbrunnen ergießt sich Sand für den Hafengroden in die Jade
Bald ist hier kein Meer mehr. Wo sich die graue Flut der Jade zwischen die Pfeiler der Niedersachsenbrücke in Wilhelmshaven zwängt, wird in 20 Monaten festes Land sein. Günter Gronewold von der Jade-WeserPort-Realisierungsgesellschaft steht auf dem Deich und deutet zum Horizont. „Dort draußen die vier Pfähle, die markieren die Kaikante“, sagt der Ingenieur,der das Projekt seit Jahren begleitet.
Frankfurter Rundschau, 7. August 2008
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Breloer und seine Buddenbrooks
Dr. Heinrich Breloer ist mit den von ihm entwickelten Doku-Dramen zur deutschen Geschichte wie „Todesspiel“ oder „Die Manns“ berühmt geworden. Vorab sprach er mit der Wilhelmshavener Zeitung über seine Romanverfilmung "Die Buddenbrooks".
Herr Breloer, pünktlich wie die Maurer – oder sollte ich sagen: Wie die Manns?
BRELOER: Ja, das passt. Thomas Mann jedenfalls saß jeden Morgen um Punkt neun Uhr am Schreibtisch – komme, was wolle....
Wilhelmshavener Zeitung, 24.12.2008
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Wohin Robben reisen
Düne, die unbewohnte Schwesterinsel von Helgoland, wird zum Urlaubsziel aufgerüstet.
Die ZEIT 5. Juli 2007
Christian Lackner hält den Schlüssel zur Zukunft in seiner Hand. Und man kann schon von weitem sehen: Die Zukunft ist mehr als rosig. Sie ist rot, gelb und quietschgrün. Der Kurdirektor von Helgoland präsentiert sein neues Feriendorf. Fünf bunte Häuser stehen auf Pfählen im Dünensand. 57 sollen es werden. Lackner öffnet die Tür zum grünen Gebäude. »Das ist eine Revolution!«, sagt er. Wir sehen ein Wohn- und ein Schlafzimmer mit hellem Holzboden, eine Küchenzeile und ein Bad mit Dusche. Was daran revolutionär ist? Der Ort.
Düne ist die kleine Schwesterinsel des selbst schon winzigen Helgoland – gerade einmal einen Kilometer lang und 850 Meter breit. Wie der Name vermuten lässt, besteht sie im wesentlichen aus Sand. Bewohner: keine. Aber Urlauber gibt es. Tagesausflügler, die in zehn Minuten mit der Fähre von Helgoland übersetzen, um sich einen der schönen Strände zu legen. Und ein paar Ruhesuchende, die es länger aushalten. Bislang in Zelten und schlichten Holzcontainern, doch das soll sich jetzt ändern.
Geht es Helgoland so gut? Nein, gerade nicht. Das Freizeitangebot ist spärlich, und zollfreier Einkauf allein lockt kaum noch Besucher an. »Wir müssen unser Image ändern«, meint Lackner: »Weg von der Fusel-Insel für Tagestouristen, hin zum behaglichen Urlaubsdomizil für ein gepflegtes langes Wochenende.« Darum leistet sich die 1200-Seelen-Gemeinde ein neues Meerwasserschwimmbad, hübscht ihr Museum auf – und erschließt Düne.
Den besten Ausblick auf das Eiland bietet Johnny Hill. Das Hügelchen sieht aus wie ein umgestülpter Pudding mit Flaggenmast obendrauf. Von oben glänzen weiße Sandstrände im Sonnenlicht. Dahinter funkelt die Nordsee türkisgrün wie nirgends sonst in der Deutschen Bucht. Zwischen den Stränden liegt die Landebahn für den Flugplatz, den sie hier Flughafen nennen. Im Norden ducken sich hinter den Dünen der Zeltplatz und einige morsche Containerhütten. Das ist das alte Feriendorf aus den 1970ern für Urlaub ohne WC und fließend Wasser. Nahe am Anleger ist bereits das Gelände für das neue Dorf planiert – weiträumige, große Bauplätze, die später mit Sandwällen und Hecken unterteilt und mit Bohlenwegen erschlossen werden sollen.
Anja Winkelmann und Eike Christian Wahrmuth sind nicht begeistert. In Regenjacken und Turnschuhen haben sich die Endzwanziger aus ihrem alten Bungalow hinüber zu den neuen Häusern gewagt, um sie zu begutachten. Vielleicht 500 Meter liegen dazwischen. »Eine andere Welt«, sagt Anja. Burgen bauen, Minigolf und Muscheln suchen waren Höhepunkte in ihrer Jugend. Mit Eltern und Oma verlebte sie viele Sommer auf Düne. Die alten Quartiere sind mit Resopalmöbeln und Kochplatte spartanisch eingerichtet. Deshalb brachten erfahrene Düne-Urlauber ihren halben Hausrat mit. »Jede Familie hatte eine große Holzkiste mit Geschirr, Besteck, Eierkocher und Toaster auf der Düne«, sagt Anja. Nach dem Urlaub wurde darin alles eingelagert bis zum nächsten Sommer. Leger ging es zu unter den Insel-Campern. Die Bungalows waren nur Regenschutz, man machte viel gemeinsam. »Vor allem die Grillabende am Ententeich einmal in der Woche waren echte Höhepunkte«, sagt Anja. Mit Christina aus Osnabrück und Vanessa »irgendwo aus dem Ruhrpott« tobte sie um den Weiher, während die Großen den günstigen Spirituosen zusprachen.
Das alles ist nun vorbei. Als das neue Dünendorf geplant wurde, mussten die Stammgäste ihre Kisten ausräumen. Viele seien damals fertig gewesen mit Düne. Auch für Anja geht eine Ära zu Ende. Mit bis zu 184 Euro für die erste Nacht ist ein Haus hier doppelt so teuer wie ein alter Bungalow. »Und ein Gemeinschaftsgefühl wird auch nicht entstehen. Man begegnet sich ja kaum«, meint Anja. Einmal hat sie noch trotzig die maßgeschneiderten Gardinen von daheim mitgebracht, bevor die alten Bungalows verschwinden werden.
Altes oder neues Dünendorf – Birgit Zießler ist das egal. Mit ihrem Mann und den zwei Kindern wohnt die Internistin aus Ansbach ohnehin im Servicegebäude. Als Inselärztin kommt sie schon seit sechs Jahren immer für zwei Wochen hierher. Im Notfall schultert sie den Erste-Hilfe-Rucksack inklusive Beatmungsgerät und radelt auf dem Dienstfahrrad zu ihren Patienten. »Unterkühlung nach dem Baden, Sonnenstich nach dem Sonnen und kleine Verletzungen fordern die meisten Einsätze«. Ansonsten sei Düne ein gesundes Fleckchen: »Viele Allergiker fliehen vor den Pollen hierher. Die Seebrise vertreibt alles.«
Der örtliche Einzelhandel erhofft sich von den Neubauten keine nennenswerte Belebung der Konjunktur. Den örtlichen Einzelhandel verkörpert Max Baide. Der 46-jährige Helgoländer kommt jeden Sommer nach Düne, wo er den Inselladen und ein Café neben dem Flugplatz betreibt. »Mit Sylt oder den Mittelmeerstränden kann die Insel doch gar nicht konkurrieren«, sagt er. Das Schöne an Düne – Natur und Stille – , vertrage sich schlecht mit dem Ehrgeiz der Kurverwaltung. »Wer einen Fernseher mit Satellitenschüssel braucht, der ist hier einfach verkehrt. Dann hört man ja das Meer gar nicht mehr.« Gut, die neuen Häuser seien bequem und geräumig. Mancher Helgoländer blicke neidisch auf die Urlaubsdomizile. »Drüben bist du froh, wenn du eine Wohnung mit 50, 60 Quadratmetern hast.« Man könne die Uhr nicht anhalten, sagt Max. Aber müsse sie auch nicht überdrehen.
Wir spazieren zum rauen Nordstrand. Dort entdecken geübte Augen viele Fossilien, gelegentlich auch Bernsteine. Nicht zu übersehen sind die Seehunde und Kegelrobben. Denen gefällt es hier. Entspannt recken sie als Dauergäste ohne Kurkarte ihre Hinterflossen in die Sonne. Hunderte Tiere erholen sich seit einigen Jahren auf Düne von den Raubzügen in der Dämmerung. An Menschen haben sie sich gewöhnt. »Wenn ihr morgens ganz früh baden geht, dann streichen die Seehunde neugierig an euch vorbei«, hat uns Max uns verraten. Ein Pfund, mit dem andere Urlaubsorte wuchern würden. Auf Düne wuchern allein die Hagebutten. Die Robben gähnen. Und trotz der bunten Häuser am Südstrand sieht es ganz danach aus, als ob sich hier selbst die Zukunft Zeit lassen wird. Der Kurdirektor Lackner übrigens wechselt dieser Tage nach Hamburg.
Zaun im Gespräch
Bernd Fischer, 52, vom Tourismusverband Mecklenburg- Vorpommern, findet die Absperrungen in Heiligendamm attraktiv
DIE ZEIT 25. Januar 2007
Letztes Jahr warb Deutschland mit dem Slogan »Die Welt zu Gast bei Freunden«. Der zwölf Kilometer lange Zaun um das Hotel Kempinski in Heiligendamm, der gerade zum Schutz der Teilnehmer des G8-Gipfels im Juni aufgestellt wird, wirkt eher wie die Vorbereitung auf einen Bürgerkrieg.
Unser Zaun wird der bekannteste der Welt sein. Weltweit kommen Zäune in Mode. Ob an der Grenze der USA zu Mexiko oder zwischen Israel und dem Westjordanland – die Weltlage ist so, dass wir nicht mehr ohne Mauern auskommen. Der Zaun ist damit ein Zeichen unserer Zeit.
Setzen Sie auf Ostalgie in Erinnerung an die Zonengrenze, oder wollen Sie diesen Zaun ernsthaft als Touristenattraktion vermarkten?
Ich sehe das so: Es wird bei den Leuten ankommen, dass es bei uns in Mecklenburg-Vorpommern die Infrastruktur für einen solchen Gipfel gibt und dass wir mit einer Veranstaltung dieser Dimension fertig werden. Danach folgen vielleicht weitere Tagungen, etwa der Japan-EU-Gipfel. Wir nutzen das G8-Treffen als Chance, um uns für Großereignisse anzubieten. Wir wollen die Mitgliederversammlung des Verbandes der Internationalen Busreiseveranstalter im Jahr 2009 hierherholen und im gleichen Jahr den German Travel Mart der Deutschen Zentrale für Tourismus. Deshalb laden wir internationale Zeitungen zu Pressereisen ein – und die schreiben jetzt endlich, dass es uns überhaupt gibt. Zum Beispiel hat die auflagenstärkste Zeitung in Japan gerade eine Viertelseite über uns gebracht.
Mit Baukosten von zwölf Millionen Euro ist der Zaun ein teures Vergnügen, das Mecklenburg-Vorpommern mit einem Nachtragshaushalt finanzieren muss.
Natürlich. Nur war Deutschland jetzt als Ausrichter einfach dran, und die Kollegen aus den anderen Bundesländern wollten nicht schon wieder zahlen. Der Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein hat ja kürzlich erst gesagt: »Dann kommt doch zu uns.« Da wurde er aber von seinen Leuten ganz schnell zurückgepfiffen. Die Staatschefs hätten sich sicher auch günstiger auf einem Flugzeugträger treffen können. Nur diese Diskussion hätte man vor drei Jahren führen müssen. Der Gipfel wird stattfinden, und wir reagieren pragmatisch darauf.
Sie erwarten also Zaun-Gäste?
Die haben wir jetzt schon. Da werden im Sommer sicher noch viel mehr kommen und vielleicht die Region für sich entdecken. Im Übrigen sind wir nicht einseitig. Gemeinsam mit den NGOs, also den nichtstaatlichen Organisationen, bringen wir eine Broschüre über die Region zwischen Wismar und Rostock heraus mit Stadtplänen, Hotelverzeichnissen, Taxi- und Notrufnummern.
Wollen Sie die auch den Demonstranten in die Hand geben?
Natürlich. Wir gehen davon aus, dass 98 Prozent der Demonstranten friedlich bleiben. Die sind selbstverständlich als Gäste gerne gesehen. Wir werden ihnen als Dienstleister alle uns mögliche Hilfestellung geben. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist 1989/90 hart erkämpft worden. Das sollte man auch so akzeptieren.
Fremd wie ein Marsbewohner
Die Globalisierung um 1900 förderte die Formierung Deutschlands als Nationalstaat, glaubt Sebastian Conrad Sebastian Conrad: Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich. C. H. Beck, München 2006, 442 Seiten, 39,90 Euro.
Frankfurter Rundschau, 13. Dezember 2006
„Kinder statt Inder“ – die verkürzte Schlagzeile aus dem CDU-Wahlkampf des Jürgen Rüttgers in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2000 ging als Synonym für Globalisierungsfurcht in die Alltagssprache ein. Nachdem Nordsee-Krabben heute in Marokko gepult werden, der Transrapid bislang nur in China schwebt und deutsche Spitzenforscher an US-amerikanische Hochschulen abwandern, sahen viele Konservative mit der Ausstellung von „Greencards“ an vornehmlich indische IT-Spezialisten die letzte Bastion überlegener deutscher Arbeit fallen. Die inszenierte Furcht vor einer Arbeitskonkurrenz aus dem Fernen Osten war nicht nur unbegründet, weil die Inder auf das ach so großzügige Angebot dankend verzichteten. Sie war auch nicht neu oder originell. Schon als gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem auf den Gütern Ostpreußens die Arbeitskräfte knapp wurden, erwog Danzigs Regierungspräsident von Heppe, chinesische „Kulis“ ins Land zu holen.
Die Empörung war enorm: Der Chinese sei „uns fremd wie ein Marsbewohner, und . . . wenn er sich mit uns mischt, ziehen wir als Rasse den Kürzeren“, warnte damals beispielsweise der Nationalist Stefan von Kotze. Die alte Geschichte der Abschottung Die Selbstdefinition von Gesellschaften durch Abschottung ist mithin nichts Neues. Ja, die Globalisierung ist mit all ihren positiven wie negativen Anklängen ein alter Hut. „Die deutsche Geschichte vor dem Ersten Weltkrieg war immer auch Teil einer Geschichte der Globalisierung um 1900“, postuliert zumindest der Berliner Historiker Sebastian Conrad. In seinem jüngsten Buch setzt er deshalb für die Zeit von 1880 bis 1914 Globalisierung und Nationalstaatlichkeit nicht als zwei Pole eines Magneten, sondern als ineinander verschränkte und einander beeinflussende Phänomene in Beziehung. Im Konstrukt des Nationalstaats sieht Conrad eine „Meistererzählung der Modernisierung“, in weiten Teilen sogar eine Reaktion auf eine zunehmend weltweite Interaktion.
Die Geschichte zeigt dabei zweierlei: Zum einen verläuft die wirtschaftliche, kulturelle und mediale Verflechtung rund um den Globus keineswegs linear und unumkehrbar. Schon um 1900 war der Transport einer Tonne Weizen von New York nach Mannheim nicht teurer als von Berlin nach Kassel. Doch von 1914 bis etwa 1950 macht Conrad eine Phase der „Deglobalisierung“ aus. Machte der deutsche Außenhandel 1914 zum Beispiel noch 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, so verlief die Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten rückläufig. Erst 1960 wurde der Vorkriegsstand wieder erreicht. Zum anderen führt die kapitalistische Durchdringung der Welt keineswegs zwangsweise zu einer Auflösung nationalstaatlicher Gebilde. Das belegen aktuell etwa verschärfte Grenzkontrollen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 oder die zollrechtliche Abschottung der Europäischen Union. Der Umgang mit dem Anderen bestimmt auch das Bild von sich selbst. Das war schon im Kaiserreich so: „Die Hoffnungen und Befürchtungen, die mit der Mobilität, dem Verkehr oder aber den einfallenden ‚Bevölkerungsmassen‘ verbunden waren, gehörten zu den Ingredienzien nationaler Vergewisserung.“ Diese These belegt Conrad, indem er verschiedene Aspekte deutscher Beziehungen in die übrige Welt analysiert. Am augenfälligsten sind natürlich die Kolonien, Deutschlands Platz an der Sonne. Die Einflüsse von Kolonie und Metropole wirkten viel intensiver in beide Richtungen als bislang gedacht. Beispielhaft zeigt Conrad dies anhand der „Erziehung zur Arbeit“. Diese wurde in Ostafrika nach denselben Methoden praktiziert wie in der Bielefelder Arbeiterkolonie Bethel des Friedrich von Bodelschwingh. Ob in Ostwestfalen oder am Kilimandscharo – die „Verinnerlichung des europäischen Zivilisationsmodells“ wurde zur obersten Prämisse. Eine Deportation arbeitsscheuer Subjekte nach Südwest-Afrika unterblieb letztlich aus Furcht, diese könnten das Bild vom pflichtbewussten, ordentlichen, gehorsamen Deutschen bei den Schwarzen unterminieren und mit diesen gemeinsam einen Aufstand losschlagen.
Eine Angst vor Vermischung führte auch zu Restriktionen bei der Einreise polnischer Landarbeiter in die Ostprovinzen des Reichs. Das Thema wurde zu einem der bestimmendsten der preußischen Politik. Weil zwischen 1820 und 1920 rund sechs Millionen Deutsche ihre Heimat vornehmlich in Richtung der USA verließen, wurden die Arbeitskräfte knapp. Der wirtschaftlichen Notwendigkeit einer Arbeitsimmigration stand alsbald die Furcht vor einer „Polonisierung“ der Ostprovinzen entgegen. Als deutsche Besonderheit wurde dann für die Arbeitsimmigranten eine Karenzzeit mit Rückkehrzwang in den Wintermonaten eingeführt. In diesem Klima wachsender Arbeitsmobilität erschien insbesondere dem Bürgertum ein gepflegtes „Auslandsdeutschtum als nationale Ersatzgemeinschaft außerhalb territorialer Grenzen, durch die sich Deutsche als Nation erfinden konnten“. Gezielt versuchte das Reich daher nach 1890, die Auswanderung wenn nicht zu stoppen, so doch nach Südamerika umzulenken. Statt als „Kulturdünger“ in anderen Nationen aufzugehen, sollten die Auslandsdeutschen in Brasilien, Argentinien und Chile in eigenen Siedlungen ein beispielhaftes Deutschtum pflegen und damit zur Keimzelle und zum Vorbild einer auf ihr eigenes Wesen neu bezogenen deutschen Nation werden.
Die Reform des Staatsbürgerrechts im Jahr 1913 war eine direkte Reaktion auf die Auswanderung, indem sie den Emigranten und ihren Nachkommen als wertvollen Erneuerern ein Rückkehrrecht einräumte, um möglichst wenig von Arbeitsimmigranten abhängig zu sein. Von dort bis zu dem Schlagwort „Kinder statt Inder“ ist es nicht weit. Einen direkten Weg vom Rassismus des Kaiserreichs in den Holocaust habe es aber nicht gegeben, glaubt Conrad. Hierfür seien der Weltkrieg und die Krise von Weimar wichtige Radikalisierungs-Motoren gewesen. Ohne die Erfahrungen des kolonialen Rassismus um 1900 wäre der europäische Rassismus der 1930er Jahre aber zumindest anders verlaufen.
Der Titel-Gewinner
Flut-, Grinse- und Brioni-Kanzler: Gerhard Schröder wandelte sich in seiner Amtszeit wie ein Chamäleon
Frankfurter Rundschau, 2. August 2006
„Ich zucke immer zusammen, wenn ichdas Wort ‚Bundeskanzler’ höre. Ich gucke hinter mich und frage: Steht der Dickeda immer noch?“ Die Selbsteinschätzung Gerhard Schröders aus dem Jahr 1999 istbezeichnend. Die Kanzlerschaft des Sozialdemokraten war ein Wendepunkt in derpolitischen Geschichte Nachkriegsdeutschlands. Nach langen 16 Jahren des Beharrenshielt eine neue Unstetigkeit Einzug in der deutschen Politik. Mit dem Umzugnach Berlin öffnete sich auch die Politik für die Konsum- und Spaßkultur.
Gegen Ende des letzten Jahrtausends verlorenpolitische Funktionsträger fast ausnahmslos ihr klares mediales Profil, wurdenzu Propagandisten ihrer selbst. Vor allem Schröder stand während seinergesamten Kanzlerschaft mehr für seine Person als für ein herkömmliches sozialdemokratischesLager oder für vordefinierte Ideale. Damit wurde er zur ersten Galionsfigurdieser neuen Zeit. Hatten Presse und Rundfunk einem Ludwig Erhardt das Prädikatdes „Volkskanzlers“ angehängt, Willy Brandt zum „Friedenskanzler“ gekürt oderHelmut Kohl zum „Einheitskanzler“, so ließ Gerhard Schröder kein eindeutigesKlischeebild erkennen.
Marcus Hoinle hat kurz nach Ende derÜbergangs-Ära Schröder eine erste analytische Bilanz gezogen. „Wer war GerhardSchröder?“ fragt er in seiner lesenswerten Studie, die vor allem durch ihren sehrumfangreichen wie aufschlussreichen Quellenteil überzeugt. Man reibt sich dieAugen und gibt zerknirscht zu: Eine Antwort auf diese Frage ist schwer zugeben. Wie ein Verwandlungskünstler im Varieté schlüpfte der NiedersachseSchröder in unterschiedlichste Rollen, gab sich als Staatsmann, lümmelte sichan der Bratwurstbude, war Ehemann und Adoptivvater, Kumpel, Industriefreund undTalkshowgast. Er war kaum zu packen und vor allem plötzlich weg wie vomErdboden verschluckt.
Minutiös hat der Autornun erstmals jene Komposita aufgelistet, die Schröder während seinerKanzlerschaft von politischen Kommentatoren zugeschrieben wurden. „Die‚Verschubladung’ der Politik erfordert (…) einen geringeren kognitiven Aufwand,erfüllt für den Bürger mithin eine Entlastungsfunktion durch Stereotypisierungdes Verhaltens, Vorhersagbarkeit von Ereignissen und die Verfestigung vonVorurteilen“, erklärt der Autor die Funktion solcher plakativen Beinamen. Vom„Abokanzler“, „Basta“-, „Beton“- oder „Brioni“-Kanzler ist da zu lesen. „EinChaos-Kanzler taugt nicht für die Geschichtsbücher“, prophezeite die„Süddeutsche“ schon zu Weihnachten 2002. Deutschland werde von einem „Currywurst-Kanzler“regiert, mäkelte „Die Welt“ im Jahr darauf, nicht ohne hämisch und keineswegsmit Blick auf das Sparpotenzial für die Staatskasse anzumerken, der gemeinsamehistorische Wurstverzehr mit dem US-Präsidenten sei nicht an „der Bude“,sondern im Nobel-Restaurant Theodor Tucher im Schatten des Brandenburg er Tores erfolgt.
Schröders Selbstinszenierung in denMedien schlägt sich in äußerlichen Komposita nieder. „Grinsekanzler“ nanntenihn „Die Zeit“ und die „Süddeutsche“, vom „Echthaar-Kanzler“ sprach „Focus“.
In zahlreichen wenig ehrenhaftenBeinamen spiegelt sich der Versuch, Schröders historische Leistungen mitSchlagworten zu greifen. „Frankfurter Rundschau“, „Süddeutsche“ und „Spiegel“feixten über den „Flutkanzler“, der das Hochwasser im Oder-Bruch als gelungeneWahlkampfhilfe benutzte. Doch auch die Fernsehbilder vom „Gummistiefelkanzler“würden verschwinden und neuen Arbeitslosenzahlen weichen, warnte die „SZ“.„Gerhard Schröder ist ein Tsunami-Kanzler. Bricht eine große Welle herein,krempelt er die Arme und Hosenbeine hoch und regiert“, konstatierte drei Jahrespäter erneut „Die Zeit“. Mit 17 Zitaten quer durch das politische Spektrum derTages- und Wochenpresse erscheint dann auch der „Medienkanzler“ als ein Titel,in dem sich Schröders Bild in der Öffentlichkeit am ehesten verallgemeinerndmanifestiert.
Viele Bezeichnungen erscheinenoffenkundig als Versuch, Schröders Arbeit pointiert zu ironisieren. Seineeigene Wandlungsfähigkeit dürfte dazu ermutigt haben. War sein Vorgänger HelmutKohl noch zum Protagonisten einer eigenen Witzgattung geworden, so zeugt derWortfindungsdrang der Presse gegenüber Schröder von dem Unvermögen, ihn treffsicherzu verorten. Immer wieder überraschte er selbst alte Hasen desPolit-Journalismus, indem er unerwartete Haken schlug. Das nahmen sie ihm übel,bisweilen augenzwinkernd, bisweilen hämisch. Wenig gefallen haben dürfteSchröder beispielsweise die Titulatur der „Financial Times Deutschland“, dieihn am 1. Juli 2005 apodiktisch zum „Bald-nicht-mehr“-Kanzler krönte, obgleicher selbst sich wohl als „Ich-bleibe-hier-Kanzler“ sehe.
Auf jeden Fall war die KanzlerschaftGerhard Schröders auch ein Abbild ihrer Zeit, die durch eine zunehmendeFragmentarisierung der Gesellschaft geprägt wurde, ist ein Fazit dieses Buches.Darauf reagierte Schröder wie ein Chamäleon – er perfektionierte denblitzschnellen Farbwechsel, der „Chamäleon-Kanzler“. Allerdings hat ihn offenbarbislang noch niemand so genannt. Versöhnen dürfte ihn indessen, dass auchHelmut Kohl keineswegs ungeschoren davonkam. Er wurde zeitweise unter anderemals „Strickjacken“- und „Bimbes“-Kanzler verunglimpft. Marcus Hoinle, Wer war GerhardSchröder, Tectum 2006, 282 Seiten, 24,90 Euro.
Sturmflut im Trockenen
Büsum macht Wind. Das Erlebniscenter Blanker Hans inszeniert die Katastrophe von 1962
DIE ZEIT, Ausgabe vom 6. April 2006
Zum Blanken Hans ist es ganz schönweit. Mit der Stichbahn geht es von Heide in Holstein über plattes Landans Meer. Draußen Weiler wie Tiebensee und Wesselburen – und unzähligeWindräder. Drinnen im Triebwagen eine Hamburgerin auf Erholungssuche.Die Windräder hielten den Wind auf, sagt sie. Deshalb komme in diesemFrühjahr keine Warmluft nach Deutschland. Sie brauche dringend Urlaub,sagt die Frau.
Am Ende der Bahnlinie,direkt hinter dem Deich der Meldorfer Bucht,liegt Büsum. Büsum ist ein Synonym für Urlaub: eine Kartbahn, zweiMinigolfplätze, acht Eisdielen, 14 Spielplätze, 20 Cafés, 46Souvenirgeschäfte und Boutiquen, 92 Restaurants für 160000Übernachtungsgäste sowie 300000 Tagestouristen. Die aktuelleWerbebroschüre des Ortes weist 4828 Einwohner aus. Der Fußweg vomBahnhof ans Meer führt vorbei an den Gästequartieren Wattwurm undAusternperle zum Kutterhafen. Eine Möwe schnappt sich Pommesreste vonder Straße. Ein Ausflugsschiff sticht unter heulendem Typhon in See.
Mit dieser relativen Beschaulichkeit wird es nach dem Wunsch vonDirk Schumaier bald ein Ende haben. Und zwar dann, wenn der 7,8Millionen Euro teure Blanke Hans Büsum endgültig ins 21. Jahrhundertkatapultiert. Dirk Schumaier ist der Geschäftsführer des örtlichen Kur-und Tourismus-Service (KTS). In den vergangenen Jahren baute er bereitsein Spaßbad und ein Wellness-Zentrum am Hafen, und die Strandpromenadewurde auch aufgehübscht. 25 Millionen Euro hat KTS in die Ertüchtigungdes Ortes investiert. Der Blanke Hans ist die letzte Großinvestition.Von Ostersonntag an sollen die Schrecken der Sturmfluten, inszeniertals High-Tech-Attraktion, Touristenscharen in das Nordsee-Heilbadlocken. »Zur Jahrtausendwende war Büsum ein kuscheliger Kurort mit demCharme der Siebziger. Da konnte man nur massiv gegensteuern, um nichtunterzugehen«, sagt Schumaier.
Untergehen ist ein gutes Stichwort. Der Blanke Hans treibt künftigin einer silbernen Industriehalle am Ortsrand sein Unwesen. DieGeschichte beginnt gleich links vom verglasten Eingang in einernachgestellten Kneipe: Zum Deichgrafen. Rustikales Dekor, großgemusterte Tapeten und ein Fernseher fast mit Bullaugenformat stehenfür die Zeitreise zurück zum 16. Februar 1962. An diesemverhängnisvollen Abend hieß es »Land unter« an der deutschenNordseeküste. Die schlimmste Sturmflut seit 100 Jahren traf allein inHamburg 60000 Menschen.
Neue Unwetterwarnungen aus dem Kofferradio. Rette sich, wer kann!
Im Deichgrafen währt die gute Stimmung nicht lange. Eben hat der alsWirt verkleidete Schauspieler hinter dem Tresen die hereingeströmtenGäste begrüßt. Schon warnt die Tagesschau imBullaugen-Fernseher eindringlich vor einer verheerenden Flut. Die Gästeflüchten in den höher gelegenen Lagerraum der Kneipe. Das Wassergluckst bereits unter ihren Füßen. Der Strom fällt aus. DasTransistorradio knarzt eine neue Unwetterwarnung. Rette sich, wer kann!
Vor der Kneipe bläst den Mutigen der Sturm insGesicht, Regen peitscht aufs Blechvordach, unter das die Besucher ausdem Lager des Lokals treten. Doch gleich vor ihnen warten orangeroteRettungskapseln auf ihren Einsatz. Die Schiebetüren schließen sichhinter den Flüchtlingen, die für diese Simulation zehn Euro Eintrittgezahlt haben. Es beginnt ein zehnminütiger Ritt durch Wind und Wellen,vorbei an 21 Filmsequenzen. Eine Katastrophe, garantiert ohne nasseFüße, verspricht Schumaier: »Wir wollten ja gerade eine authentischeIndoor-Attraktion schaffen, bei der das schlechte Wetter draußenbleibt.«
Die Bahn der Zierer Karussell- und Spezialmaschinenbau GmbH fuhr imvergangenen Jahr durch die Bionik-Ausstellung im deutschen Pavillon aufder Weltausstellung im japanischen Aichi. Sie kann nicht nur auf 28Stundenkilometer beschleunigen, sondern wartet mit zwei einmaligenÜberraschungseffekten auf. Die Gondeln werden an einer Stelle von dersteigenden Flut senkrecht emporgehoben. Später koppelt die Kapsel aufeiner frei beweglichen Bühne vor einer 180-Grad-Leinwand aus denSchienen aus. Während der folgenden 90-sekündigen filmischen Zeitreisedurch die Geschichte der Sturmfluten werden die Insassen kräftigdurchgerüttelt, bis sie im Jahr 2006 in einer virtuellenOff-Shore-Forschungsstation aussteigen dürfen.
Die allein im Eröffnungsjahr erwarteten 170000 Besucher sollen abernicht nur eine Gänsehaut bekommen, sondern sie sollen auch aufgeklärtwerden. Während die Besucher auf einer Tribüne in der virtuellenStation wieder zu Atem kommen, erklärt ihnen ein Film auf Großleinwanddie Ursachen von Ebbe und Flut. Ein Griff in die Windmaschine verrätBinnenländlern, wie sich ein ausgemachter Orkan anfühlt. Und amBildschirm können sie nachvollziehen, was passieren wird, wenn dieKlimaerwärmung in den kommenden Jahrzehnten das Polareis schmelzen undden Meeresspiegel steigen lässt. Auf Knopfdruck läuft die NorddeutscheTiefebene voll wie eine Badewanne. Man fragt sich dabei unweigerlich:Warum haben die Büsumer da überhaupt noch in den Blanken Hansinvestiert?
Der Deichbau macht’s möglich, gibt es eine Treppe weiter unten diepassende Antwort. »Archiv des Wissens« heißt dieser Raum, der mitseinen hohen Regalen aussieht wie eine Forschungsbibliothek, nur nichtso staubig. Hier liefern Modelle, Bücher und Bildschirme gebündelteInformationen über Halligen, Wurten und Deichprofile, zum Leben an derKüste einst und jetzt. Eine Ecke ist den jungen Besuchern gewidmet,denen ein eigens produzierter Film die Thematik nahe bringen soll.
Sandsäcke stapeln sich im »Raum der Stille«. Den Gast schaudert’s wohlig
Eines der wenigen echten Exponate aus dem Jahr 1962 ist eine zweiMeter hohe Sturmflutsirene aus Hamburg-Wilhelmsburg. Dertürkischstämmige Bremer Anwalt Turgut Pencereci hat sie bei eBay vonder Hamburger Innenbehörde ersteigert und den Büsumern zur Nutzungüberlassen. Die nehmen sie mit doppelter Dankbarkeit, denn Büsum soffnur deshalb 1962 nicht ab, weil die Deichbrüche in Hamburg denWasserdruck in Büsum abschwächten. In der Hansestadt starben damals 315Menschen. Lokale Zeitzeugen berichten davon in einem weiteren Film.
Im »Raum der Stille« stapeln sich schließlichSandsäcke, die mit den Zahlen der Verluste an Menschen, Vieh undSachwerten bedruckt sind. »Wer nicht deichen will, der muss weichen«und »Trutz, Blanke Hans!«, schweben projizierte Spruchbänder durch dassphärische Blau. Sturmfluten sind bei allem Kirmesgewitter ein ernstesThema, will diese Installation sagen. Für mehr als wohligen Schauderwird das Spektakel indessen kaum reichen. Die Gewalt der Natur vermagauch die aufwändigste Simulationstechnik nur anzudeuten. Und zurKontemplation bleibt kein Raum. Fazit der Ausstellung: Es ist einRisiko, hinter dem Deich zu wohnen, noch heute.
Der Schutzwall ist nur 150 Meter entfernt, wie Manager mit Weitblickdurch die wellenförmigen Panoramascheiben der Konferenzräume in derzweiten Etage sehen können. Sie werden für kleine Tagungen exklusivvermietet. Durch die Fenster sieht man auch auf das Meer hinter demDeich, heute nur leicht bewegt. In weiter Ferne grüßt die Alte Liebe inCuxhaven. Ein beruhigend echter Anblick nach so viel Simulation. Demgemeinen Volk bleibt die Restauration im Erdgeschoss mit DithmarscherSpezialitäten wie Krabbenrührei auf Schwarzbrot oder Mehlbeutel mitSpeck und Kirschsoße.
Und wo bleibt der Schimmelreiter, Theodor Storms markanterDeichgraf Hauke Haien, der der Allgewalt des Blanken Hans die Stirn zubieten wagte? Schumaier, ganz Geschäftsmann, hat sofort die Antwort:»Den kriegen Sie im Shop.«